Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Dienstag, dem 05.05.2020

Ich war gestern das erste Mal mit Mundschutz im Supermarkt einkaufen, ein seltsames, aber auch spannendes Gefühl. Natürlich erkannte ich die üblichen Verdächtigen aus dem Dorf anhand ihrer Staturen, Köpfe, ländlichen Haarschnitte und auch den Gesichtern, obwohl mehr als die Hälfte durch den Mundnasenschutz verdeckt wurde. Nur das Verhalten dieser Schar von vermummten Einkäufern schien sich nochmals geändert zu haben. Waren vorher die berühmten 1,50 Meter das Maß aller Verhaltensdinge, spürte ich jetzt ein zusätzliches Misstrauen. Es konnte keiner vernünftig ins Gesicht, also auf Mund und Nase des anderen schauen. Das auch sonst schon eher sporadisch gemurmelte „Moin“ oder „Hallo“ verkümmerte zu einem flüchtigen Nicken. Es ist offensichtlich, wie wichtig und unterschätzt der Mund als Kommunikationswerkzeug für uns Menschen ist. Da helfen dann auch nicht die wohlgemeinten Zeitungsartikel mit Überschriften wie „Mit den Augen sprechen“ oder „Freundlichkeit mit den Augen ausdrücken“. Die meisten kriegen das unter „normalen“ Umständen noch nicht einmal vernünftig mit dem Mund hin…

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Der Mund ist mit einer Vielzahl von Muskeln und Funktionen ein sehr wichtiges Organ für den Menschen. Irgendwo las ich, dass der Mund das erste Organ ist, welches in der körperlichen Entwicklung angelegt wird und dass wir mit ihm die Welt erfahren. Für mich als Genießer und Kommunikator eigentlich klar. Der Mund dient mit den Stimmbändern zusammen dem Sprechen und erlaubt mit der wunderbaren Möglichkeit von Mimik den Ausdruck von Emotionen und damit überhaupt erst das, was wir als Kommunikation bezeichnen. Ebenso ist der Mund neben der Nase wichtig für die Atmung und als Körperöffnung ein elementarer Teil unserer Nahrungsaufnahme und somit Teil des komplexen Verdauungsapparates. Was oben möglichst genussvoll eingeführt wird, geht lebenserhaltend durch den Körper, bis es am unteren Ende wieder entsorgt wird. Zum Mund gehören natürlich auch die Lippen und damit kommt eine weitere Funktion ins Spiel, die Sexualität. Denn auch Küssen und andere Dinge gehen nicht ohne den Mund, außer vielleicht bei den Eskimos… Fazit: Essen, Trinken, Atmen, Sprechen, aber auch Sex und die Erotik sind ohne den Mund undenkbar.

Nun will ich ja alles das nicht mit den anderen Einkäufern teilen… vermissen tue ich den Blick auf den ganzen Menschen schon. Und der spiegelt sich nun einmal hauptsächlich im Gesicht wieder. Vielleicht begreifen jetzt einige endlich mal, wie scharf und inhuman die Waffe der religiösen Verhüllung ist. Eine Maskierung dient nicht oder nie der Freiheit (außer vielleicht im Karneval) und ist schon gar kein Mittel, um Selbstbestimmung auszudrücken. Natürlich soll der Mundschutz in so einer Gesundheitskrise Leben retten, aber tut er das wirklich? Oder erspart er mir nur das eigene Denken und wirklich Verantwortung im Handeln zu übernehmen? Ich bin definitiv kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber das Tragen einer Mundnasenmaske fühlt sich schon so ein bisschen wie der Vorgeschmack auf eine tatsächliche Corona-Erkrankung an und ist vielleicht deswegen auch gewollt. Man bekommt schlecht Luft, es wird heiß ums Gesicht, bei manchen beschlägt sogar die Brille, vernebelt also die Sicht, man hört die eigene Stimme dumpf unterdrückt, die des anderen kaum noch und man ist froh, wieder im Freien und am Leben zu sein.

Und dann ist da immer wieder diese Frage, wasch ich das Ding nun nach dem einmaligen Tragen oder schmeiß ich es weg? Es soll ja so ein Rezept für den Ofen geben, aber herrje, da will ich lieber andere Dinge drin brutzeln… Der Mensch wäre nicht Mensch, wenn er der Situation nicht mit Humor begegnen würde. Und so ist es lustig zu beobachten, wie vielfältig Maskenkreationen sein können und auf welche Ideen die sozialen Medien kommen, die Maskenpflicht zu verulken. Mein Favorit ist die Maske mit Reißverschluss für den Genuss des Feierabendbiers.

Doch egal wie ich es drehe oder wende, der zeitweilige Verlust des Mundes, und damit das Versagen meiner Ausdrucksmöglichkeit und die Behinderung des geliebten Genusses, ist schon eine elementare Erfahrung. Wie ein Erlebnis mit meiner vor vielen Jahren verstorbenen Großmutter, die damals, über 90ig jährig, an den Rollstuhl gefesselt war, unfähig sich verbal zu äußern oder selbstständig Nahrung aufzunehmen und bei einem Besuch wie üblich nur vor sich hin brummte. Ich fragte mehrmals und so behutsam wie möglich, was sie denn wolle. Das Brummen wurde lauter, die Lippen bewegten sich energisch nach Worten ringend, ihr Körper schwankte im stählernen Gefährt… es war wie ein letztes Aufbäumen und dann kam ein Satz, wie aus dem Nichts, nach jahrelanger Sprachunfähigkeit, glasklar und mit ultimativer Überzeugung: ICH WILL LEBEN!

Ja, dieser Moment hat mich nachhaltig verändert, auch wenn ich seine Bedeutung vielleicht erst heute und durch den Mundschutz in seiner ganzen Dimension verstehe. Jeder will leben und der menschliche Geist und Körper sind stark und gewillt, das bis zum Letzten auch zu tun. Ich auch, aber eigentlich würde ich jetzt lieber küssen… aber das ist eine ganz andere Geschichte. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!

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