Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Montag, dem 13.04.2020

Der Glaube hat wieder Konjunktur, nicht nur weil Ostern ist. Die Menschen suchen Orientierung und vor allem Trost in Zeiten von Corona, seinen teils tödlichen Konsequenzen und dem so genannten „Lockdown“. Ein ungewohnter Zustand, der uns Menschen extrem verunsichert, in unsere eigene kleine Häuslichkeit und entsprechend beschränkten Horizont verbannt, vom Komfort des öffentlichen Lebens ausschließt und eine Linderung durch die Gemeinschaft mit anderen verbietet. Die Sehnsucht nach einfachen und plausiblen Antworten lässt die meisten Menschen fast schon fieberhaft nach Erlösung dieser als körperlicher und seelischer Folter wahrgenommen Plage streben, sei es in der Wissenschaft oder einer höheren und ordnenden Macht. Leider können wir weder von der einen noch von der anderen Seite zufriedenstellende Antworten erwarten. Die Angst und Unsicherheit bleibt. Wie selbstverständlich erlaubt uns die Wissenschaft Einblicke in viele naturwissenschaftliche Vorgänge, alles erklären kann sie trotzdem nicht. Auch der Glaube schafft eine gewisse Erleichterung beim Ertragen des großen Rätsels, eine Lösung oder sogar Erlösung bietet aber auch er nicht.

Ich bin, wie wahrscheinlich die meisten, hin- und hergerissen zwischen Verstand und Glaube. Ich bin protestantisch getauft, konfirmiert und teilweise auch so erzogen worden. Wir waren nicht sonderlich gläubig in unserer Familie, gingen nicht häufig in die Kirche, ehrten aber die wichtigen Feiertage. Vor gut 20 Jahren trat ich dann aus der Kirche aus. Bei allem Guten, was ich hier und da beobachten und erleben durfte, störte mich zunehmend der Anspruch der weltlichen Repräsentanten dieser Religion, das alleinige Vertretungsrecht von Erkenntnis und den Schlüssel zum Himmelreich zu haben. Es wurde sehr viel von Sünde gesprochen, Angst vor einer ominösen Hölle und einem verführerischen Teufel geschürt, um gleichzeitig beim Befolgen der Regeln Erlösung von unseren Sünden zu versprechen. Die Kirche missachtet dabei ihren größten Konstruktionsfehler, der Mensch neigt zur Macht und dem Missbrauch ebendieser. Gerade bei so einer „Gatekeeper“ Funktion kann das schlimme Folgen haben, wie es die lange Geschichte diverser religiöser Ausprägungen auch eindrücklich beweist.

Trotzdem blieben Kirchen Orte, die eine gewisse Faszination auf mich ausüben. Ich würde sie mal als „Orte der Kraft“ beschreiben. Aufgrund der Erziehung und auch Verbundenheit mit der Energie und Leistung, die vorangegangene Generationen in diese Bauwerke haben fließen lassen, erlauben sie mir eine Fokussierung auf mich selbst. Diese innere Einkehr hat eine wohlige Wirkung und bietet eine Ahnung davon, dass wir Teil eines zusammenhängenden größeren Ganzen sind. Ich habe Anfang der 1990iger Jahre als Journalist einen Hilfsgüter-Konvoi in die Nähe von Tschernobyl begleitet. Um uns zu danken, organisierten die örtlichen Ansprechpartner einen Ausflug ins naheliegende Kiew. Leider hatte der zur Verfügung gestellte Bus keine Heizung und so zitterten wir vor Kälte bei der zweistündigen Fahrt bis zur Hauptstadt der Ukraine. Es war Winter und das Thermometer zeigte fast minus 20 Grad. Als wir dann mit unserer Gefriertruhe an der ersten Station der Sightseeing Tour ankamen, der fast 1.000 jährigen Sophienkathedrale (ebenfalls ungeheizt) und uns ein Meer von hunderten Kerzen begrüßte und wir im Kerzenschein flackernde Wandmalereien betrachteten, weinten wir hemmungslos. Keiner konnte sich das erklären und doch schienen alle eine Kraft zu spüren, die nichts mit Wärme zu tun hat.

Ein anderes Erlebnis erlaubte mir dann ein besseres Verständnis für den Umgang mit der größten Herausforderung, die wir Menschen bezogen auf unser körperliches und seelisches Heil haben: Das Zulassen, die Akzeptanz, auch Dingen gegenüber, die wir nicht beeinflussen können. Wahrlich kein einfaches Unterfangen. Ich ging vor einigen Jahren mit einer Bekannten im Teutoburger Wald spazieren. Wir verließen den ausgeschilderten Wanderweg und durchquerten eine Senke, als ich spürte, dass hier ein spezieller Ort der Kraft ist. Ich bat meine Begleiterin, stehen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Wie aus dem Nichts tauchte ein Rudel Rotwild mit weit über 20 Rehen und Hirschen auf und ging gemächlich aber zielstrebig auf uns zu. Wir erstarrten, weil wir nicht wussten, was nun passieren würde. Wie selbstverständlich teilte sich die Herde vor uns, schritt erhaben in greifbarer Nähe an uns vorbei, um sich nach uns wieder zu vereinen. Ein wirklich besonderer Moment. Ich weiß heute, dass nicht nur wir Menschen zulassen und akzeptieren müssen, Teil der Natur und des gesamten Seins zu sein, sondern, dass die Schöpfung (von wem oder was auch immer) und seine vielfältigen Lebewesen viel weiter sind als wir, denn sie lassen uns Menschen mit all unserer Unvollkommenheit zu. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!