Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Samstag, dem 09.05.2020

Momentan reden alle von der ersehnten Grenzöffnung zu den europäischen Nachbarn, damit die Waren wieder frei fließen, Pendler wieder ungehindert zu ihren Arbeitsstellen kommen, Lieferketten eingehalten werden und natürlich auch Urlauber und Tagesausflügler ungehindert herumreisen können. Nach fast zwei Monaten des „Lockdowns“ zur Vireneindämmung, da diese sich erfahrungsgemäß nicht an gesetzte Grenzen halten, ist das natürlich verständlich. Wobei ich ja glaube, dass viele, gerade hier in Deutschland, den Segen der europäischen Union mit offenen Grenzen etwas verklären, selbstverständlich als angestammtes Menschenrecht verstehen und mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung von uns Deutschen vergleichen. Natürlich geht es um Freiheit. Aber jede Freiheit hat auch Grenzen, wusste schon der alte Kant mit seinem Kategorischen Imperativ. Und auch die Geschäftemacherei und der wahre Genuss sind nur möglich, wenn Grenzen existieren. Ob nun selbst gesetzte oder auch von außen bestimmte. Alles, immer und jederzeit ist nicht gesund und kein Genuss. Das Fass mit der Gleichheit mache ich jetzt mal lieber nicht auf…

Ich habe nichts gegen Grenzen, auch zwischen den Ländern nicht. Eigentlich fand ich es früher sogar richtig cool, am Grenzübergang zu halten, den Pass vorzuzeigen, beim ersten Stopp ein bisschen Geld in die Landeswährung zu tauschen, die Niederländer hatten in meinen Augen die schönsten Geldscheine, die Franzosen die größten, und zu spüren, jetzt bin ich wirklich ganz woanders. Klar gab es auch mal Schikane, was aber sicherlich mit der Historie und dem Verhalten der Deutschen in der jüngeren Geschichte zu tun hatte. Und fiese Menschen gibt es eh auch überall… Auf jeden Fall waren die Grenzübertritte noch tatsächliche Entdeckungsreisen und nicht das ständige Wiedersehen der ewig gleichen Fast Food Ketten und Konsumtempel mit den immer wiederkehrenden Logos, die so viele Städte und Innenstädte so monoton und austauschbar werden ließen. Wäre da nicht die andere Sprache, Landschaft, alte Architektur, Kulinarik, Geschichte oder Mentalität… weswegen wir ja eigentlich auch reisen, es soll gerade nicht so sein wie zuhause.

In den 1980igern war ich Teil eines mehrwöchigen Trips von sechs jungen Typen in einem Bulli durch insgesamt sechs europäische Länder. Trip trifft es schon ganz passend, wollten wir doch unsere Grenzen und die der anderen austesten. Aber auch wir hatten Regeln. Eine davon war, dass wir pro Mann eine Flasche harten Alkohol an Bord haben mussten, um beim täglichen Übernachtungsstopp und unserer internen Doppelkopf-Meisterschaft das Ritual der „Happy Hour“ gefolgt vom „Serious Drinking“ abzuhalten. Ein großer Spaß. Wir waren eine bunte Rasselband aus vier Deutschen, einem Australier und einem Südafrikaner, langhaarig und wild in der Erscheinung. Bei jedem Grenzübergang gab es Aufregung, nicht nur bei uns und weil man uns nach Drogen filzte, was damals und bei unserem Aussehen einfach dazugehörte, sondern auch bei den Grenzern, die uns nicht einschätzen konnten. Wir waren aber auch Botschafter, denn auf jedem Campingplatz wurden wir schnell gern gesehene Gäste, indem wir mit zwei Volleybällen, bunten Frisbees und unserer „Open Bar“ sofort für Stimmung sorgten.

Natürlich bin ich für die Reisefreiheit und einen weitestgehend ungehinderten Warenfluss, aber das bedeutet ja nicht unkontrolliert oder bedingungslos. Virus hin oder her… Grenzen gehören eben zu jedem System dazu, nicht nur dem politischen…, und sind für das Zusammenleben absolut notwendig. Auch für die verschiedenen Geschäftsmodelle und für den Genuss erst recht, wollen wir nicht aus allen Nähten platzen… oder uns überfressen. Entsprechend werden uns durch die Krise die Grenzen der Globalisierung und Profitmaximierung klar aufgezeigt, vielleicht ja auch ganz heilsam und gerade noch rechtzeitig. Nebenbei freuen sich die Menschen in Amsterdam riesig, dass sie ihre Stadt mal wieder ganz für sich alleine haben, ohne den Massentourismus, der den Einheimischen dort oft das Gefühl gibt, in einem Zoo zu leben. Ja, es gibt viele, die vom Tourismus und dem Konsum der Reisenden leben, aber zu viel ist wirklich zu viel. Wer denkt an die Freiheit und entsprechenden Rechte der angestammten Einwohner.

Ach, da fällt mir auch wieder der Name unserer Jungenstruppe auf der Reise durch Europa ein: „Hang-over Allstar Team“. Wie passend, ist doch der Kater der Globalisierung und des überbordenden Konsums ganz deutlich spürbar. Ich bin eh für bewusst und besser und weniger ist mehr. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!