Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Sonntag, dem 26.04.2020

Es ist schon faszinierend, was das tägliche und meist intuitive Sammeln von Ideen, Schlagworten, Nachrichten, Gedankenfetzen, Erinnerungsstücken etc. für die Genussgedanken mit mir macht, nur weil ich es zulasse. Das Nachdenken und Aufschreiben überrascht mich jeden Tag auf ein Neues. Dabei nutze ich eine komplett unsortierte Herangehensweise, ich verfolge keinen Plan. Ich lasse meinen Gedanken einfach freien Lauf und bin immer wieder beeindruckt, was Hirn und Herz mir an Schätzen aus meiner bisherigen Lebensreise kredenzen. Oft sind es Ereignisse und Menschen, an die ich schon ewig nicht mehr gedacht habe oder die fast vollkommen aus meiner Erinnerung verschwunden waren. Manchmal ist der Schlüssel ein einziges Wort, manchmal ist es ein vages Gefühl, oft sind es auch Impulse durch das Gewitter der stündlichen Corona-News. So ein bisschen wie früher in der Diskothek auf der Tanzfläche, wenn das Stroboskop das Geschehen durch seine Blitze verzerrte, mit der schnellen Abfolge von Licht und Dunkelheit Lücken in die Bewegungsabläufe riss… Menschen zuckten sich im Rausch und Sekundentakt zu einem einzigen galaktischen Ganzen zusammen.

Heute traf die Diskussion der letzten Tage über die langsame Lockerung des „Lockdown“, mit der Frage, warum Baumärkte aber nicht Kirchen wieder geöffnet haben, auf eine aktuelle Filmdokumentation über die Highlands in Schottland. Sofort öffnete sich eine Erinnerungstür zu einer meiner ersten Reisen alleine als junger Erwachsener. Ich war mit einem Interrail Zugticket für einen Monat in ganz Europa unterwegs. Nachdem ich 1978 den vierteiligen Fernsehfilm „Die Abenteuer des David Balfour“ gesehen hatte, wollte ich unbedingt zuerst nach Schottland und ebenfalls Abenteuer in den Highlands erleben. Was für eine romantische Vorstellung. Aber ich war begeistert von den tief hängenden Wolken, der mystischen Landschaft, der Weite, der Menschenleere und meiner persönlichen Mischung aus Fernsehbildern und realen Begegnungen. Ich glaube, ich war 17 auf dieser Reise, extrem neugierig und begierig auf das Sammeln von Eindrücken. Wie ein Schwamm sog ich alles auf, ohne zu wissen, wo es mich hinführen würde. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, der Neuland betrat und viele Dinge zum ersten Mal erlebte.

Zugfahren war anders damals, vor allem in den Highlands. Ich wollte zu einer bestimmten Jugendherberge und fragte den Schaffner danach. Er würde mir Bescheid geben, war seine schottisch karge Antwort. Einige Zeit später stoppte der Zug auf freier Strecke, mitten in der unendlichen Landschaft, nur für mich, kein Bahnhof weit und breit, keine Straße oder Weg. Der Schaffner deutete in die Ferne und sagte, ich müsse nur dem großen Berg dort folgen und dürfte dann in zwei Stunden mein Ziel erreichen. Der Zug ließ mich alleine zurück. Ja, Neuland, Abenteuer, vielleicht würde ich David Balfour begegnen… Aus den zwei Stunden wurden vier, nicht weil ich mich verlaufen hätte, sondern weil ich unterwegs die Geburt eines Schafes erleben durfte. Gebannt und regungslos wurde ich Zeuge eines Vorgangs, der dann doch so ganz anders war, als es jeder Biologieunterricht hätte aufzeigen können. Tief beeindruckt erreichte ich die Jugendherberge, ein einsames großes Haus mitten im Nichts, mit Etagenbetten und ansonsten gähnender Leere. Ich fühlte mich an einen Horrorfilm erinnert. Entsprechend waren auch die Geschichten der sieben oder acht dort gestrandeten Reisenden am abendlichen Kaminfeuer. Beklommen betrachteten wir unsere im Lichtschein zuckenden Schatten an den Wänden. Es wurde eine schlaflose Nacht.

Nach diesem Erlebnis fuhr ich weiter auf die Orkney Inseln nördlich von Schottland. Das Wetter ist dort unberechenbar und auf einer Wanderung sah ich das Unwetter, es glich eher einem Unheil, schon kommen, nervös nach einem sicheren Unterschlupf Ausschau haltend. Und plötzlich war sie da, eine halbrunde Wellblechhütte mit einem angedeuteten Glockenturm als Vorbau. Gerade noch rechtzeitig rettete ich mich in die Kapelle hinein. Draußen begann die Welt unter zu gehen. Ich entzündete ein paar der Kerzen und begann mich zu orientieren. Was machte ein als Kirche verkleideter Schuppen mitten auf einer Insel. Ich las im dicken Gästebuch, dass ich in der „Italian Chapel“ gelandet war, welches als Wunder von Camp 60 bezeichnet wird. Italienische Kriegsgefangene hatten im 2. Weltkrieg aus dieser Wellblechhütte mit selbstgemachten Farben und Löffeln als Werkzeug eine Glaubensstätte fern der Heimat gestaltet. Vom restlichen Lager mit über 1.000 Insassen war nichts mehr übrig. Mir sollte diese Kirche ein Zuhause für die Nacht werden. Begeistert, aber auch nachdenklich, las ich im Gästebuch, deren erste Eintragungen bis 1945 zurückreichten. Ein echtes Abenteuer. Da spielte es auch keine Rolle, dass die Holzbank, auf der ich ein paar Stunden schlief, äußerst unbequem war. So ist es vielleicht mit jeder biografischen Entdeckungsreise. Tanzen will ich, im Stroboskop des Lebens. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!

So sieht die „Italian Chapel“ heute aus. Damals war sie noch nicht so schön renoviert:

https://www.myhighlands.de/italian-chapel-das-wunder-von-camp-60/