Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Dienstag, dem 28.04.2020

Viele reden gerade davon, dass wir mehr Innovation brauchen und vor allem wagen müssen, um unsere Zukunft, momentan durch die Corona-Krise besonders ungewiss, zu meistern. Nun ist ja das Wort „Innovation“, also Neuerung oder Erneuerung, schon seit einiger Zeit ein beliebter Begriff. Es gibt eigentlich kein Unternehmen, keine Organisation, keinen Lebensbereich oder Menschen, der, die oder das sich nicht als Innovationstreiber bezeichnet. Da wird dann schon mal das kostenfreie Obst für die Mitarbeiter oder der neueste Computer einer Marke aus eben diesem Korb als Grundvoraussetzung und Paradebeispiel für Ideenreichtum gefeiert. Gerne wird diese ach so erfinderische Inszenierung gepaart mit Schlagworten wie Industrie 4.0, Digitalisierung und Disruption, also der Störung althergebrachter Geschäftsmodelle. Die äußerst aktive Start-up Szene tat in den letzten Jahren dann ein Übriges und feierte den 500sten veganen Brotaufstrich oder 1.000sten Energy Drink als großen Wurf für die Menschheit. Klar gibt es immer eine Chance, dass beim Herumprobieren etwas Gutes herauskommt, doch oft handelt es sich eher um das Phänomen, zu den „Coolen“ gehören zu wollen, als wirklich „radikal“ und erneuernd den Wandel herbeizuführen und auch zu leben. Veränderung vom Gewohnten ist für die meisten Menschen der größte Feind. Deshalb sind diese Begriffe oft nur Etikettenschwindel.

Bedeutende und die Welt verändernde Innovationen waren immer herausragende Einzelleistungen, entsprangen dem Hirn von Überzeugungstätern, die ohne Rücksicht auf persönliche Konsequenzen und meistens mit einer manischen Getriebenheit, Dinge anders dachten. Oft wurden sie belächelt, bis sich die Erneuerung durchgesetzt hatte, dann gab es viele Väter der Erfindung. Auch ist klar, dass eine gute Idee ein entsprechendes Umfeld braucht, die Umsetzung also nie alleine geht. Trotzdem ist der Ursprung ein einziger kreativer und unbeirrter Geist. In der Geschichte der letzten 150 Jahre gab es diverse so genannte Basisinnovationen wie die Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrotechnik, den Computer, die unsere Gesellschaften nachhaltig veränderten. Man spricht auch von der „Lange-Wellen-Theorie“, ursprünglich von Nikolai Kondratieff, dann Joseph Schumpeter, die erklärt, dass Basisinnovationen Entwicklungsschübe auslösen und zwar so lange, bis sich das Innovationspotenzial erschöpft hat. Einfach gesagt, solange die Basisinnovation reichlich Geld erwirtschaftet, profitiert die Gesellschaft durch Wohlstand, Sozialsysteme, Kunst und Kultur. Verliert diese Erfindung seine Kraft und es kommt zum wirtschaftlichen Abschwung, folgt eine Krise, bis die nächste Basisinnovation Abhilfe schafft. Wir befinden uns gerade in einer solchen Krise.

Ich durfte in meinem Berufsleben ein oder zwei wirklich innovative Unternehmen begleiten bzw. dort Erfindungsprozesse miterleben. Ein gutes Beispiel in das kanadische Entertainmentunternehmen Cirque du Soleil, welches als Zirkus ohne Tiere mit atemberaubenden Shows die Welt eroberte. Dabei handelte es sich nicht um eine Basisinnovation, sondern das Neudenken und Vermischen verschiedener etablierter Unterhaltungsbranchen. Entstanden ist eine Melange aus Präsentationsformaten, die, individuell gesehen, nicht mehr optimal funktionierten oder nur noch aufgrund von Subventionen wirtschaftlich überleben konnten und können: Die Oper, das Musical, der Zirkus, das Live Konzert, das Theater. Die Cirque du Soleil Gründer extrahierten die Elemente der Einzelgenre, die den Menschen wirklich berühren und kombinierten diese so, dass der Besucher auf eine fantastische Reise gehen konnte, ohne gesprochenes Wort oder eine eindeutige Botschaft. Der Zuschauer entschied selbst über seine persönliche Interpretation und die konnte beim wiederholten Anschauen durchaus auch mal anders ausfallen, je nach Gefühl… und dass ist ja das Schöne… Leider ist auch dieses großartige Unternehmen machtlos gegen das Corona-Virus und droht abzustürzen.

Der letzte Aufschwung wurde durch die Informations- und Kommunikationstechnik ausgelöst, also den Computer und das Internet. Experten rätseln gerade, was die nächste „Lange-Welle“ sein wird. Es fallen Begriffe wie Bio- und Nanotechnologie, Künstliche Intelligenz und Robotik, aber auch Bildung und Gesundheit. Ich persönlich glaube ja, dass der Mensch an sich mit seinen Fähigkeiten wie Kreativität, (Mit)Gefühl und Anpassungsfähigkeit großes Potenzial hat und wir uns eingestehen müssen, dass Technik viele Dinge, längst nicht alle, besser kann als wir. Diese Form von Rückbesinnung und dadurch Erneuerung könnte also wesentlich innovativer sein, als dumpfe Technikgläubigkeit oder sogar deren Hörigkeit. Unverändert werden aber die von mir gerne zitierten drei Kernkompetenzen Grundvoraussetzung für jede Innovation sein: Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz und seelische Gesundheit. Da liege ich mit meinen Genussgedanken wohl nicht so schlecht. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!