Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Sonntag, dem 19.04.2020

In regelmäßigen Abständen überkommt mich dieses Gefühl, meist morgens beim Aufwachen, es ist wieder an der Zeit, ich muss das Bettzeug, also die Bettbezüge wechseln und waschen. Nicht, dass ich monatelang warte, das Laken dreckig wäre oder das Kopfkissen übel riechen würde, nein, irgendwie fühle ich den richtigen Zeitpunkt und schreite dann meist gleich zur Tat. Auch wenn es bei der Größe des Bettes schon einen gewissen Angang bedeutet, ein wenig Überwindung kostet und zusätzlich heute auch noch Sonntag ist und es sich ja eigentlich nicht gehört, am Tag des Herrn die Wäsche raus zu hängen. Gut, dass meine Terrasse für die Nachbarn nicht einsehbar ist. Ich bette mein Haupt mittlerweile in einem vom Schreiner nach meinen Vorstellungen gebauten 160 cm mal 200 cm komfortabel dimensionierten Bett mit zurückgesetzten Füssen. Eine echte Wohltat nach all den schmerzhaften Erlebnissen im Halbschlaf mit Vorgängermodellen, wenn ich mir nachts auf dem Weg zum Klo wieder fast den großen Zeh an einer Ecke des Bettes gebrochen habe. Trotzdem kämpfe ich jedes Mal erneut mit dem Spannbettlaken, welches irgendwie immer zu knapp geschnitten scheint… wollen die mich eigentlich absichtlich ärgern? Dabei bin ich betttechnisch schon einen sehr langen Weg gegangen, wenn ich so an meine Anfänge des unabhängigen Schlafens denke.

Vage erinnere ich mich an den eingeschränkten Blick aus dem Gitterbett, in dem ich als Kind gelegen habe. Vielleicht sind es aber auch die Erinnerungsbilder an die Verwahrungsstätten meiner jüngeren Geschwister. Stolz war ich natürlich auf mein erstes „richtiges“ Bett, eine 90 cm mal 190 cm für meine Körpergröße riesige Schlafstätte, in der ich heute noch schlafe, knapp…, wenn ich meine Eltern besuche. Mittlerweile natürlich mit neuer Matratze, schließlich war man ja nicht immer dicht in dieser frühen Entwicklungsphase des Schlafens. Was folgte waren diverse Bettkompositionen im späteren Jugendzimmer, mal als Etagenbett, denn aufgrund der damaligen Wohnverhältnisse hatte nicht jedes Kind Anspruch auf ein eigenes Zimmer, dann wieder zurück zum ersten Bett ohne Gitter. Der größte Vorteil, der in Kinder- und Jugendjahren mit dem Bett kam, war der Service meiner Mutter, die das Bett „machte“, also morgens in Ordnung brachte und regelmäßig mit frischer Wäsche bezog. Das änderte sich schlagartig zu meiner Bundeswehrzeit, zurück ins Etagenbett und Bettpflege mit militärischer Präzision, was lästig war, aber lehrreich.

Mit der nach dem Bund neu gewonnen Freiheit, auch bezogen auf die Auswahl meiner Bettnachbarn, kamen neue Formen des Schlafens, eine Phase reich an Varianten. Die Matratzen wurden breiter, wuchsen in die Höhe, das Hochbett kam in Mode. Eigentlich eine sinnige Idee, um selbst in der kleinsten Hütte für Wohnkultur zu sorgen, aber auch eine durchaus anstrengende und mit Gefahren behaftete Angelegenheit. Besonders durch die Hühnerleiter beim nächtlichen Toilettengang, in dem Alter war oft Party angesagt, oder durch die Nähe zur Decke beim Liebespiel. Abenteuerlich war es auf jeden Fall. Wer nicht hoch schlief, lag mit seiner Matratze meistens direkt auf dem Boden. Luxus waren da schon zwei Euro-Paletten als Basis. Auch die Bettwäsche war ein Thema für sich damals. Sie war meistens eine Mischung aus Omas alten Laken, nix Spannbetttücher…, bunt zusammen gewürfelten Kopfkissen und Bezügen, manches schon mit Loch, es wurde seiner Zeit im Bett noch geraucht, und das Bettzeug wurde nicht so häufig gewechselt wie der Besuch.

Das klingt jetzt alles so fürchterlich nach Lotterleben, so schlimm war es natürlich nicht… Moment, ich jage mal eben durch die Jahre und Betten… Nein, herrlich war es… Ich möchte das alles nicht missen. Bis auf den öfters leicht verkaterten Blick morgens vielleicht, ok mittags, in Richtung übervollen Aschenbecher auf dem Nachttisch, meist eine Eigenkonstruktion aus Sperrholz. An den entsprechenden Duft im Raum will ich mich nicht mehr zurück erinnern. Es wurde ja auch besser mit den Jahren, die Zigaretten danach verschwanden, die wirklichen Herausforderungen des Lebens fanden nun meistens außerhalb des Schlafzimmers statt und so wuchs das Bett quasi auf lebensphasengemäße Normalhöhe. Inklusive richtigem Bett und schöner Bettwäsche. Ich freue mich auf das Zubettgehen heute Abend und den frischen Duft darin, um mir meine Lebensbettgeschichte noch einmal genauer vor Augen zu führen. Vielleicht träume ich ja sogar davon. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!