Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Freitag, dem 24.04.2020

Ich bin ein sehr visueller Mensch. Ich liebe es, die Welt in all seiner Vielfältigkeit, egal ob in Form von Landschaften, Menschen, Alltagssituationen, Gegenständen oder einer Kombination aus allem, zu betrachten, zu beobachten und letztendlich zu analysieren. Ich mache mir gerne ein Bild. Und ich schaue gerne durch das Gesehene hindurch, versuche darüber meine Gedanken und Gefühle zu ergründen, um für die Realität einen Sinn darin und vielleicht sogar eine Verhaltensmaßgabe dafür zu finden. Natürlich hört diese Leidenschaft auch zu Zeiten einer Corona-Krise nicht auf, nur dass das Sehen, Beobachten, Analysieren mir dabei nicht wirklich hilft, denn die Bedrohung ist unsichtbar. Ich bin also blind, kann auch nicht mit anderen Sinnen wie Hören, Riechen Tasten kompensieren und muss mich auf etwas verlassen, was uns Menschen besonders schwer fällt, Instinkte und Intuition, also das Vertrauen auf unsere archaische Grundkonditionierung. Das verunsichert uns und bereitet manchem eine große Angst, denn die gehört ebenfalls dazu.

Wie es der Zufall so will, schickte mir gestern ein alter Schulkamerad, der heute als Psychologe in Berlin arbeitet und dort Vorstandsmitglied eines entsprechenden Berufsverbandes ist, eine passende Parabel namens „Die Blinden und der Elefant“. Das Gleichnis stammt ursprünglich aus Asien und geht wie folgt: Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Sie alle waren blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf eine Reise geschickt und sollten herausfinden, was ein Elefant ist. Und so machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie von Helfern zu einem Elefanten geführt. Die fünf Gelehrten standen nun um das Tier herum und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen.

Als sie zurück zu ihrem König kamen, sollten sie ihm nun über den Elefanten berichten. Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden und den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach: “Ein Elefant ist wie ein langer Arm.” Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: “Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.” Der dritte Gelehrte sprach: “Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.” Er hatte ein Bein des Elefanten berührt. Der vierte Weise sagte: “Also ich finde, ein Elefant ist wie eine kleine Strippe mit ein paar Haaren am Ende”, denn er hatte nur den Schwanz des Elefanten ertastet. Und der fünfte Weise berichtete seinem König: “Also ich sage, ein Elefant ist wie ein riesige Masse, mit Rundungen und ein paar Borsten darauf.” Dieser Gelehrte hatte den Rumpf des Tieres berührt.

Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen fürchteten die Gelehrten den Zorn des Königs, konnten sie sich doch nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist. Doch der König lächelte weise: “Ich danke Euch, denn ich weiß nun, was ein Elefant ist. Ein Elefant ist ein Tier mit einem Rüssel, der wie ein langer Arm ist, mit Ohren, die wie Fächer sind, mit Beinen, die wie starke Säulen sind, mit einem Schwanz, der einer kleinen Strippe mit ein paar Haaren daran gleicht und mit einem Rumpf, der wie eine große Masse mit Rundungen und ein paar Borsten ist.” Die Gelehrten senkten beschämt ihren Kopf, nachdem sie erkannten, dass jeder von ihnen nur einen Teil des Elefanten ertastet hatte und sie sich zu schnell damit zufriedengegeben hatten.

Das ist eine wirklich schöne Parabel und sehr passend für die Unsicherheit im Umgang mit dem Virus. Wir möchten so gerne unsere Angst vor dem Ungewissen zügeln, Klarheit haben und sicher sein, dass uns nichts passiert. Wahrscheinlich rührt es aber auch nur an unserer Urangst, die wir trotz allen Fortschrittes, ob nun in der Medizin oder in der gesamten Zivilisation, nur bedingt kontrollieren können. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns ihr, also der Urangst, vor z.B. dem Tod, einfach nicht stellen, sie gar nicht verstehen wollen, sie uns stört in unserem modernen Leben mit all seinen Annehmlichkeiten. So ein bisschen ist das wie die Angst, nachts und im Dunkeln durch einen Wald zu spazieren. Die Gefahr, von einem wilden und gefährlichen Tier angefallen zu werden, die gibt es in Deutschland nämlich nicht, oder von einem bösen Menschen überfallen zu werden, ist wirklich abwegig. Auch der Böse hat Angst im Dunkeln, wilde Tiere nicht. Da ist jede Autofahrt gefährlicher und die Chance größer, bei einem Unfall verletzt zu werden oder sogar ums Leben zu kommen.

Ich glaube, wir sollten alle nachts einfach öfters in den Wald gehen, um zu lernen, mit dieser Urangst umzugehen. Vielleicht treffen wir ja sogar auf einen Elefanten oder können andere Sinnsucher erschrecken. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!