Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Donnerstag, dem 23.04.2020

Als Genussmensch bin ich natürlich bemüht, mir meine Bedürfnisse zu befriedigen bzw. diese befriedigen zu lassen. Ist ja wohl klar und den meisten geht es wahrscheinlich ebenso. Genuss, egal in welchem Sinne, ist eine große Triebfeder im Leben von uns Menschen. Meiner Erfahrung nach ist das Erleben von Genüssen sogar noch besser, wenn sie nicht jederzeit und überall verfügbar sind. Eine Erkenntnis, die wir besonders in der momentanen Krise zu spüren bekommen. Vor allem, weil ein Großteil der Menschen sich, in meiner Beobachtung, eine Unart angewöhnt hat, vielleicht sogar durch gesellschaftliche oder wirtschaftliche Vorgaben dazu erzogen wurde, die fast schon manische Fokussierung auf eine sofortige Bedürfnisbefriedigung. Und das in allen Lebensbereichen, nicht nur bei den genussvollen Dingen oder Wünschen. Der Mensch hat keine Geduld mehr. Er ist getrieben von Begierden und hat sich daran gewöhnt, dass ihm unmittelbar Erfüllung widerfährt.

Natürlich gibt es das, je nach gesellschaftlicher Herkunft, Bildung und vor allem auch Geldbeutel, in verschiedenen Ausprägungen und Menschen müssen auch heute noch auf vieles sparen, können sich nicht alles leisten oder alle Wünsche erfüllen. Trotzdem neigen wir zu einem selbstverständlichen Einfordern oder Erwarten jederzeitiger Verfügbarkeit. Sich etwas nicht leisten zu können wird als Ausgestoßen sein aus der Gemeinschaft empfunden oder politisch so instrumentalisiert, wahlweise als Recht oder als Makel, dass es umzusetzen oder zu kompensieren gilt. Oft durch sinn- und planlosen Konsum und dessen Inszenierung, egal ob ich etwas brauche und will oder auch nicht. Hauptsache ich kann sagen: Das neueste Smartphone? Hab ich auch. Die Traumdestination an Urlaubsort? War ich auch schon. Outlet-Shoppen? Klar, ich habe ja nur 20 Jeans im Schrank. Das Ergebnis ist, dass die meisten vollkommen über ihre Verhältnisse leben und konsumieren und die wirklich wichtigen Bedürfnisse gar nicht mehr erkennen und deshalb auch nicht befriedigen können.

Ich habe als Genussmensch nichts gegen einen gesunden Konsum, bin sogar ein großer Verfechter von dem „bewusst und besser“ Prinzip. Gerade deshalb vermisse ich ja die Zeiten, wo man den Neuwagen einer bekannten deutschen Traditionsmarke erst bestellen, dann jahrelang darauf sparen und warten musste, bis man ihn sein Eigen nennen, mit ihm über die Straße brausen und ihn quasi als neues Familienmitglied stolz in der Nachbarschaft präsentieren durfte. Ich konnte mir das nie leisten, weiß aber um den Effekt, ohne neidisch oder traurig zu sein. Für mich gab es immer schon eine andere Fokussierung bezogen vor allem auf den gemeinsamen Genuss. Einen fast traumatischen Endpunkt setzte für mich der legendäre „Geiz ist geil“ Spruch, der den Hang zur sofortigen Bedürfnisbefriedigung bei vielen sogar noch pervertierte. Plötzlich saßen gestandene Menschen beisammen und brüsteten sich damit, diese oder jene Schiffsreise für „einen Appel und ein Ei“ erstanden zu haben, „all inclusive“ natürlich, zelebrierten ihre Trophäe wie bei einem Wettstreit, um im gleichen Atemzug mit dem Neukauf eines teuren und wahrscheinlich unnötigen Aufsitzmähers zu strunzen. Das Gespräch fand obendrein in einer Billigpizzeria statt…

Gut, dass jetzt Spargelsaison ist. Diese Köstlichkeit, auch als Königin der Gemüse bekannt, gibt es nur zu einer bestimmten Zeit im Jahr und ich freue mich jedes Mal wieder darauf. Gibt es doch dazu eine neue Ernte an Kartoffeln und endlich auch mal wieder so etwas Fetthaltiges wie eine Sauce Hollandaise, die ich mir sonst nicht erlaube. Die begrenzte Verfügbarkeit und großartige Qualität des hiesigen Spargels, schenkt mir jährlich frische Genussgedanken. Und, wer will schon Spargel von sonst woher das ganze Jahr über essen? Wo doch alle immer ihre bewusste Ernährung erwähnen und auf Nachhaltigkeit pochen. Dann muss es im Winter aber Spargel aus Peru sein, ist der vielleicht zu Fuß hierhergelaufen? Das ist genauso fragwürdig wie ganzjährige Erdbeeren… auf dieses kulinarische Highlight freue ich mich ebenfalls, kommt doch deren Zeit zum Ende der Spargelsaison. Bedürfnisbefriedigung kann so einfach sein. Und damit mich auch keiner falsch versteht, mir ist die Abhängigkeit unseres Wohlstandes vom Konsum durchaus bewusst und auch ich freue mich darauf, wenn wieder alle Geschäfte geöffnet sind. Mein Problem ist eher, wenn ich denn beispielsweise mal ein neues Jacket suche und in ein Prachtexemplar verguckt habe, kann ich davon ausgehen, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit das teuerste Kleidungsstück im Geschäft ist. Genuss kann so ungerecht sein. Dann muss ich wohl geduldig bleiben und ein bisschen sparen. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!