Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Mittwoch, dem 25.03.2020

Ich wurde heute Morgen um 6:39 Uhr unsanft aus meinen Träumen gerissen. Das Telefon klingelte und meine fast 87 jährige Vermieterin war dran: „Bist Du da, ich bin gerade wach geworden und das Haus ist leer. Ich habe Angst, dass alle weg sind.“ Nachdem ich ihr versichern konnte, dass alles in Ordnung wäre und sie sich entschuldigte, sie hätte wohl schlecht geträumt, machte ich mir in meiner Einliegerwohnung erst einmal einen Kaffee und setzte mich über die Tageszeitung. Natürlich klang der Gedanke an diesen ungewöhnlichen Weckruf nach. In der Zeitung las ich irgendetwas von der jetzt so wichtigen Solidarität mit Italien, aber auch den Menschen hierzulande in den systemrelevanten Berufen. Was für ein Wort, systemrelevant. Welches System? Und, kann der oder besser jeder Mensch das denn überhaupt leisten? Wie ist es um diese ominöse Verantwortung des Einzelnen oder die dahinter liegende Königsdisziplin der Eigenverantwortung überhaupt bestellt? Wir flüchten doch alle allzu gerne.

Als die englische Prinzessin Diana in Paris bei einem Autounfall ums Leben kam, war ich durch Zufall keine 200 Meter vom Unfallort entfernt. Ohne zu wissen, was da passiert war, wunderte ich mich über das riesige Polizeitaufgebot. Schon am nächsten Morgen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer global verbreitet und vor dem Buckingham Palast wurden tausende von Blumen und Beileidsschreiben abgelegt. Die Welt weinte. Auch damals war ich sauer über diese Projektion und Verlagerung von Emotionen und auch Realität auf eine royale, also unerreichbare Traum- und Sehnsuchtswelt. Kaum jemand bekommt in unserer angeblich modernen Zivilisation den toten Nachbarn mit, außer jetzt gerade, wenn er Corona hat, singt stattdessen vor Rührung geschüttelt etwas von irgendwelchen Kerzen im Wind. Was ist also zu tun, wenn es uns nicht nur um die Eitelkeit vieler Social Media Likes gehen soll? Der Weg beginnt immer vor der eigenen Haustür und das aktive Kümmern im realen und naheliegenden Umfeld.

Selbst wenn wir ins Tun kommen, sind wir Deutschen allerdings speziell. Ich habe mal den Begriff des ethnischen Groupies geprägt. Nichts gegen Hobbies oder ein Interesse an anderen Kulturen. Es gibt aber kein Volk der Erde, welches sich als Attila der Hunnenkönig verkleidet jedes Wochenende durch die Eifel kämpft oder als Winnetou und Old Shatterhand ausstaffiert durch die Lüneburger Heide reitet. Historisch bedingt verständlich, haben wir uns doch durch unser Verhalten die eigene Identität genommen oder sie zumindest schwer beschädigt. Außerdem eignen sich unsere großartige und international durchaus geschätzte Kultur und unsere eher nordische Mentalität nicht zum Singen auf den Balkonen. Nachmachen zeugt allerdings von Kreativlosigkeit. Kreativität und Verständnis ist aber notwendig, wenn es um so wichtige Themen wie Verantwortung und Eigenverantwortung geht. Diese Herausforderung anzunehmen passt in kein Klischee. Verantwortung, gerade auch für sich selbst, zu haben ist anstrengend, manchmal sehr belastend, braucht Mut, bedeutet viel Arbeit und Disziplin und wird von anderen lieber kritisiert als belohnt. Systemrelevante Menschen erkennen das oft anhand ihres Kontostandes.

Trotzdem hege ich viele gute Gedanken und bin voller Hoffnung, dass diese Krise etwas mit uns und unserem Verständnis von Verantwortung und Eigenverantwortung macht. Und, dass wir etwas von unserer dekadenten Lebensweise ablegen. Aufhören, die Geschichte und die Fakten für eine lebenswerte Zukunft zu ignorieren, statt auf selbsterwählte Propheten zu hören. Es ist viel Wissen und Weisheit vorhanden, aber auch viel zu viel fahrlässige emotionale Spekulation. Ich möchte Veränderung als Chance begreifen und noch mehr über Kommunikation als wirkungsvolles Instrument lernen. Die meisten von uns müssen ebenfalls noch daran arbeiten. Ich habe den Weckruf vernommen, nicht nur heute Morgen. Und, ich verneige mich tief vor allen, die nicht labern sondern wirklich etwas tun, ihren Mann und ihre Frau stehen, egal ob nun systemrelevant oder auch nur für sich und ihre Familien oder Freunde. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!