Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Samstag, dem 04.04.2020

Die Corona Krise rüttelt ordentlich an der Überzeugung von uns Menschen bzw. erinnert uns an etwas, was wir in unserem normalen Alltag gerne verdrängen oder verklären. Der Mensch ist ethisch moralisch nicht so gefestigt, wie wir uns das mit unserer Vollkasko-Mentalität, der in ruhigen Zeiten üblichen Verantwortungsverlagerung und überzogenen Perfektionsansprüchen wünschen. Diskussionen über aktuelle Themen wie „Triage“, also einer Priorisierung, wer wird noch intensivmedizinisch behandelt und wer nicht mehr, die Amerikaner kaufen uns vor der Nase von uns bestellte medizinische Hilfsgüter und Beatmungsgeräte weg oder Staatsrechtler sprechen aufgrund diverser Verordnungen von einer Erosion unseres Rechtsstaates. Unter der Oberfläche brodelt es, die Haut ist dünn und unsere archaische Grundkonditionierung droht durchzubrechen. Anders ausgedrückt, das Tier in uns Menschen wittert seine Stunde.

Ich habe gestern eine sehr interessante Dokumentation über die Wölfe im Yellow Stone Nationalpark in den USA gesehen. Der Park ist der Älteste seiner Art weltweit und um ihn als Freizeitort für die Besucher attraktiver und sicherer zu machen, wurde in den 1920iger Jahren der Wolf dort ausgerottet. Mit schlimmen Folgen für das gesamte Öko-System. Vor fast 40 Jahren wurde der Wolf zurückgebracht und es findet eine Erholung der natürlichen Verhältnisse statt. Spannend, wie das Verhalten der Wölfe als Gruppe mit Alphatier, gerne ein Weibchen übrigens, und weiteren Funktionsträgern und den verschiedenen Aufgaben nach Innen und Außen funktioniert und ein Überleben der Gruppe sichert. Natürlich fressen die Starken zuerst, müssen aber auch im Bedrohungsfalle als erste Verantwortung übernehmen. Nicht immer ein faires, aber letztendlich ein ausgeglichenes System, das die Natur für den Planeten vorgesehen hat. Bevor Du jetzt Deinem Reflex nachgibst, sofort zu erwähnen, dass wir Menschen uns doch evolutionär viel weiter entwickelt haben, möchte ich Dir an persönlichen Beispielen erwidern: Haben wir das wirklich?

Wir haben schon immer priorisiert, anderen etwas vor der Nase weggeschnappt oder Regeln gebrochen. Nur wird die Dimension in den angeblich normalen Zeiten nicht wahrgenommen oder als Lappalie abgetan. Hier mal ein paar Beispiele aus meiner Familie (in Kinder- und Jugendtagen) und dem alltägliche Verhalten in Bezug auf zum Beispiel das Essen. Mein Vater bekam bei Tisch von meiner Mutter wie ganz selbstverständlich das größte Stück Fleisch aufgetan. Als Erstgeborener sollte ich mit meinen Geschwistern immer alles teilen, was ich auch gerne tat, aber bei gewissen Dingen hörte der Spaß einfach auf und ich nutze meine Position und meine weiterentwickelten Kenntnisse zu meinem Vorteil aus. Und, Du erinnerst Dich an den Spruch: „Wer die Regeln kennt, darf sie brechen“. Komisch, das galt immer nur für die Erwachsenen.

Hie noch mal ganz konkret, bezogen auf eine typische Familienmahlzeit. Wir hatten unterschiedlich große „kleine“ Löffel für den Nachtisch. Wer hatte damals schon einheitliches Besteck… Natürlich musste meine Mutter bei jeder Mahlzeit den Streit unter uns Kindern schlichten und den Größten der kleinen Löffel zuteilen. Nicht, dass die Portion, also Menge Pudding in den Schalen unterschiedlich groß war, nein, es ging einfach nur um den „Fressvorteil“, den ein großer Löffel nun mal zu versprechen schien. Das Wolfsrudel lässt grüßen. Natürlich muss man bei solchen Vergleichen aufpassen, besonders wenn es um die Würde des Menschen, den Tod oder mögliche kriminelle Handlungen oder Rechtsbrüche anderer Art geht. Aber wie eingangs gedacht, der moderne Mensch ist sehr angetan von seiner ethischen und moralischen Selbstüberschätzung. Und, was ist schon perfekt.

Letztendlich kommt es nicht auf die Größe des Löffels an, sondern es steht und fällt alles mit einer wahrhaftigen Auseinandersetzung mit den relevanten Themen, nicht nur in Krisenzeiten. Das bedeutet wiederum ein großes Maß an Kommunikationsfähigkeit. In Pudding gesprochen heißt das: Man könnte ja auch um einen Nachschlag bitten, aber ob man ihn bekommt, ist noch mal eine ganz andere Frage. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!