Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Montag, dem 06.04.2020

Heute Morgen musste ich doch tatsächlich und trotz aller privaten und beruflichen Widrigkeiten, die die momentane Situation mit sich bringen, feststellen: Ich fühle mich sehr wohl hier in meinem Zuhause. Nach Jahren der ständigen Wohnungs- und Standortwechsel und entsprechend improvisierten Lebensumständen, bin ich sesshaft geworden und zum ersten Mal richtig und nach meinem Geschmack eingerichtet. Der Stil ist individuell, gemütlich, kombiniert Altes und Neues und spiegelt meine verschiedenen, auch internationalen Lebensstationen wieder. Mit vielen Gegenständen verbindet mich eine ganz persönliche Geschichte oder Begegnung, mit der Kunst und den Büchern sowieso. Wie sagt man doch so schön: Die Einrichtung einer Wohnung erlaubt einen Blick in die Seele des Bewohners. Ich bin mit dieser Einsicht durchaus zufrieden, sie zeigt mein wahres Ich ziemlich gut. 

Bild: Ma Cuisine Parisienne von Joerg Lehmann

Natürlich hat auch das wieder etwas mit dem Vorleben der Eltern zu tun. Als ostpreußische Flüchtlingsfamilie, meine Eltern lernten sich nach dem Krieg in Lübeck kennen und heirateten auch dort, waren die ersten Einrichtungsgegenstände in der gemeinsamen Wohnung Apfelsinenkisten. Über die Jahre wurde es mit dem Wirtschaftsboom natürlich besser, trotzdem blieb es schlicht, funktional, aber immer schon gemütlich. Dafür sorgte meine Mutter, die aus noch so wenig etwas zaubern konnte. Und wenn es nur ein Blumengesteck mit Pflanzen aus dem Garten war oder eine wohl platzierte Kerze auf dem Tisch. Heute wohnen sie etwas großzügiger und bürgerlicher, aber vom Prinzip her hat sich nichts verändert. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass in den Nachkriegsjahren jeder Haushalt um die 1.000 Gegenstände, also vom Möbelstück, über das Paar Schuhe bis hin zur einzelnen Gabel umfasste. Heute ist es im Durchschnitt weit über 10.000. Was machen wir eigentlich mit all diesen Sachen, böse Zungen würden Krempel sagen, den keiner wirklich braucht?

Der Mensch lässt sich gerne Dinge aufschwatzen. Auch bei meinen Eltern gibt es, trotz der großen Rationalität meines Vaters, die Sammlung von handbemalten Tellern, die mal als vermeintliche Geldanlage über Jahre im Abonnement abgestottert wurde und die heute eigentlich nichts wert ist. Ich habe solchen „zu gut um wahr zu sein“ Angeboten gottlob meistens misstraut. Ich habe andere Fehler begangen… Eine ganze Industrie und Armada von Beratern scheint sich aber darauf spezialisiert zu haben, Menschen etwas anzudrehen, was vermeintlich lebensnotwendig sein soll oder was man haben muss, um dazu zu gehören. Das Ergebnis sind „Hygge“ gestylte Wohnungen, die letztendlich alle gleich aussehen und nichts wirklich Individuelles mehr erkennen lassen. Natürlich wird das zu Zeiten von Corona und Ausgangsbeschränkungen besonders deutlich, also dem der es sich eingesteht. Ich kann in einem Katalog nicht leben und Wohlfühlkultur hat etwas mit meiner inneren Einstellung zu tun und nicht mit der Farbe und dem Style der Saison.

Dabei nimmt die Rolle und Ausstattung der Küche einen besonderen Platz ein. Wer es sich leisten kann und es als Status Symbol schätzt, lässt sich eine Edelküche von einem namhaften Hersteller einbauen. Die Ausgaben dafür können schon ziemlich substantiell sein. Klar braucht es dann auch die entsprechenden professionellen Pfannen und Messer. Nur Kochen kann kaum jemand. Öffnet man die Tür zum Altarersatz-Edelstahl-Kühlschrank findet sich oft nicht mehr als eine Dose Katzenfutter und eine Flaschen Champagner darin. Ok, manchmal auch Plastikschälchen mit Leckereien vom Feinkostladen. Oder, wahre Geschichte, weil man ja alles hat und sich trotzdem etwas gönnen wollte, wünschte sich die Frau für das Reihenhaus eine neue Küche. Da die alte Küche zu schade zum Wegschmeißen war, wurde diese im Keller eingebaut… Rate mal, wo gekocht wird…

Freunde wissen um meine Liebe zu Frankreich und der dortigen Genusskultur. Der Franzose hat in seinem 35 Quadratmeter Wohnstudio oft nur eine Kücheneinrichtung wie auf dem Campingplatz. Mit der Kenntnis über die Lebensmittel, einer Passion für Qualität und Zubereitung wird allerdings auf einem Zweiplattenherd derart köstlich kulinarisch gezaubert, dass mir bei dem Gedanken doch glatt das Wasser im Munde zusammenläuft. Was sagt uns das? Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!