Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Dienstag, dem 21.04.2020

Was für ein Wort: Öffnungsdiskussions-Orgie. Die Kanzlerin spricht damit aus, was momentan allerorts, real und virtuell, zu beobachten und zu spüren ist, die Nation kommt an ihre Grenzen. Also nicht nur die Wirtschaft und da besonders der Handel, die Industrie, Gastronomie etc., nein, unsere Gesellschaft als Ganzes. Die Menschen fühlen sich zunehmend macht- und orientierungslos. Und überfordert mit Beruf, Familie und der Frage, wie es weitergehen soll. Gute Voraussetzungen für eine Übersprunghandlung, ein sich entladen, ein orgiastischer Zustand unkontrollierbaren und vor allem rein triebhaften Verhaltens. Natürlich ist das auf der einen Seite verständlich, weil die Krise eben ungewohnt und außergewöhnlich daherkommt. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch, wie wenig der Einzelne über sich, seine Leidens- und Leistungsfähigkeit weiß und deshalb auch seine Belastungsgrenzen nicht kennt, panisch reagiert und ein Ventil sucht. Erschwerend kommt dazu, dass der heutige Mensch sich eine „es steht mir zu… alles jederzeit haben zu wollen… und im Ernstfall schuldet mir der Staat“ Mentalität zugelegt hat, die ihn dazu verleitet, ständig über seine Fähigkeiten und Verhältnisse zu agieren und zu leben. Die Krise fördert das jetzt drastisch zu Tage.

Natürlich bin auch ich froh, dass unser Land und die politisch Verantwortlichen im Vergleich zu vielen anderen Nationen und deren Führungspersonal, die Lage einigermaßen gut im Griff haben, großzügig hilft und ein Großteil der Bevölkerung bereit ist mitzuspielen, auch gegen so manche persönliche Überzeugung. Was allerdings nach 75 Jahren wohltuendem Frieden und wirtschaftlichem Erfolg auffällt, ist das unvorbereitet und untrainiert sein, bezogen auf außergewöhnliche körperliche und geistige Herausforderungen. Wir fällen ständig ganz persönliche Entscheidungen, ohne uns der Konsequenzen bewusst zu sein, vergesellschaften die Verantwortung sogar. Geht das wirklich, ohne eine Ahnung davon zu haben, was ich letztendlich alles dafür tun, auch opfern muss und an welche Grenzen der Leistungsfähigkeit ich dadurch gelange? Nicht, dass ich uns Menschen mehr Krisen wünschen würde, aber mehr Bewusstsein für Gefahren und Erkenntnis für das eigene Vermögen wären sicherlich hilfreich.

An dieser Stelle würde ich ja normalerweise meine Erfahrungen beim Militär erwähnen, wo eine für unsere Gesellschaft außergewöhnlich Situation besteht, nämlich ein systematisches an die physische und psychische Grenze geführt zu werden. Aber das ist vielen zu martialisch, obwohl es hier nicht um den Sinn von Krieg und Gewalt geht, eher den persönlichen Erfahrungshorizont, das Kennen von den eigenen Schwächen und Stärken. Deshalb zwei zivile Beispiele, die aber ähnliches verdeutlichen können. Ich habe als Jugendlicher mit meinem Vater eine einwöchige Fahrradtour von Münster bis auf die Nordseeinsel Wangerooge unternommen, nur wir zwei „Männer“, also ich noch einer im Werden. Ich habe nämlich ganz schön gejammert beim erbarmungslosen Gegenwind an der Nordseeküste und dem wunden Hintern nach täglich mehr als 60 gestrampelten Kilometern. Versüßt wurde mir das Tagwerk meines Durchhaltevermögens, ich wollte mich meinem Vater gegenüber ja beweisen, mit einem Besuch in der Gastwirtschaft. Der Bierdeckel mit den vielen Strichen wurde jahrelang wie eine Auszeichnung in meiner Schreibtischschublade verwahrt.

Das zweite Erlebnis stammt aus einem Sommerurlaub mit der Familie in den Alpen und hier mit einer eher mentalen Herausforderung, einer richtigen Bergsteigertour, ebenfalls nur mit meinem Vater. Ich bin ziemlich ängstlich, wenn es um Höhen geht, also nicht so sonderlich stabil am Abgrund, egal ob Hochhaus oder Schlucht. Bei der Bergtour lag zuerst die sportliche Komponente im Vordergrund, der ich aber gut gewachsen war. Mit den Händen und Füssen am Fels, vor allem auf dem Weg nach oben, fühlte ich mich durchaus sicher. Die Flatter bekam ich, als wir ein riesiges und steil abfallendes Schneefeld erreichten, welches auf einem extrem schmalen und ungesicherten Pfad überquert werden musste. Zittrig machte ich mich auf den Weg, ein wenig schräg zum Hang tastend, vermied ich die bestimmt 300 Meter nach unten zum Ende des Abgrundes zu schauen. Dann erreichte ich die Mitte des Schneefeldes und sah die langen Kratzspuren von jemanden, der hier in die Tiefe abgestürzt war. Die Vorstellung ließ mich schockartig verharren. Meine Gedanken rasten vor Angst, mein Körper schien auf Notbetrieb geschaltet zu haben. Erst das Rufen meines Vaters brachte mich wieder zur Besinnung und ließ mich den nächsten wackeligen Schritt setzen. Auf dem Gipfel angekommen trank ich den ersten Schnaps meines Lebens, einen Enzian. Nicht, dass Du jetzt meinst, mein Belohnungssystem hat immer mit Alkohol zu tun… Nein, viel wichtiger war das Erkennen der eigenen Ängste und Fähigkeiten, diese auch zu überkommen. Es geht hier um das Zulassen und auch wirkliche Erleben der Belastungsgrenzen. Das hat übrigens nichts mit einer (Gefahren- und Erlebnis)Orgie zu tun. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!