Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Montag, dem 20.04.2020

Außergewöhnliche Umstände und Zeiten verunsichern den Menschen und machen ihn nervös. Unruhig schauen alle auf die Verantwortlichen, egal ob aus Wissenschaft, Politik oder sonst woher. Wo ist die Exit-Strategie? Wo der Neuanfang? Wo ist meine Zukunft? Heute Morgen sah ich einen dreigeteilten Cartoon mit einem Redner und Publikum. Auf seine Frage, wer Veränderung möchte, gingen alle Arme in die Höhe. Klar. Auf die Frage, wer sich verändern möchte, blieben alle Arme unten. Tja. Auf die Frage, wer die Veränderung anführen will, war der Saal auf einmal leer. Na super. Das Fazit: Ich muss bei mir anfangen. Natürlich ist jedem klar, dass es ein „weiter so“ nicht geben kann. Allerdings, Veränderung fällt schwer, weil es einen Prozess der Bewusstmachung und Erkenntnis erfordert, ohne den keine Konsequenz, also Verhaltensänderung möglich ist. Klingt zu theoretisch? Ist es aber nicht. Kommunikation und Kommunikationsfähigkeit ist der Schlüssel zu allem. Und damit ist nicht nur das Gespräch mit anderen gemeint, sondern vor allem auch der innere Dialog.

Kommunikation ist der Flaschenhals, durch den alles durch muss. Leider lernen wir in der heutigen Gesellschaft keine Kommunikation, zumindest keine bedeutungsvolle, oder wissen oft nicht, was das eigentlich ist. Wir pflegen meist nur einen oberflächlichen Austausch von Ist- und Sehnsuchtszuständen, besonders über die sozialen Medien. Dazu kommt noch, dass unser Umgang mit Sprache und Botschaft aus dem Industriezeitalter mit seiner historischen Prägung aus Befehl und Gehorsam stammt. Und da diese Form der Kommunikation immer auch ein Ausdruck von Macht und Missbrauch ist, kann sie gerade in der Krise bei den Verunsicherten zu einem destruktiven und teils menschenverachtenden Werkzeug werden. Die Digitalisierung in Form vom allgegenwärtigen medialen und individuellen Geschnatter ist hier keine Hilfe, eher eine zusätzliche Waffe im Instrumentarium der Macht. Wen wundert es da, dass der Mensch verharrt und keine Veränderung will oder zulässt.

Zusätzlich erschwerend ist der sowieso spürbare Wandel von der Industriegesellschaft zur Wissens- und Informationsgesellschaft, die eine völlig andere Kommunikationsfähigkeit erfordert. Zukünftig wird es deshalb wohl auf drei Kernkompetenzen ankommen: Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz und seelische Gesundheit. Leider wird Kommunikation nirgendwo vernünftig gelernt, gelehrt und gelebt, weder in den Familien oder brüchigen sozialen Gefügen (in der realen Welt) heute, als auch in der Berufsausbildung, den Universitäten oder in den Unternehmen. Eigentlich müsste es ein Schulfach Kommunikation geben, welches bei dem Austausch von Lebensgeschichten und Lebenserfahrung in der Familie beginnt, diese lebensrelevanten Prozesse ins Berufsleben trägt und aufzeigt, was das wiederum für den Lebensabend bedeutet. Ein Verständnis und die gekonnte Anwendung von Kommunikation lässt den Menschen auch krisenfester werden.

Die zweite große Herausforderung wird die soziale Kompetenz sein. Im Industriezeitalter hatte der Chef immer Recht, der Abteilungsleiter auch, schließlich war sein Schreibtisch länger und er hatte ein Fenster mehr im Büro. Heute arbeiten die Menschen projektbezogener und das bedeutet, dass ich mit meinem Wissen und meiner Expertise heute der Boss in einem Projekt bin, morgen aber nur eine Randfigur, weil dann der Praktikant mehr weiß und kann als ich. Hier muss ich also soziale Kompetenz beweisen und auch mal zurückstecken können. Und Obacht, es hat nichts mit sozialer Kompetenz oder Kommunikationsfähigkeit zu tun, wenn ich die aktuellen Diskussionen über die Corona-Krise mit zusammengesammelten Posts, dem Halbwissen anderer Leute oder sogar den gängigen Verschwörungstheorien zupflastere. Das ist eher fahrlässig und verantwortungslos, da es andere noch mehr verunsichert.

Durch die schnellen und oft drastischen Veränderungsprozesse, die sich aus der momentanen Krise und dem Leben in einer technologischen Wissens- und Informationsgesellschaft ergeben, kommt es zur dritten Kernkompetenz bzw. persönlichen Herausforderung und gesellschaftlichen Aufgabe, der seelischen Gesundheit. Die schnelle Erfassung und Priorisierung von Informationen, der ständige Wandel in Abläufen, all das macht Menschen Angst, lässt sie verharren, blockieren oder sogar sabotieren, am eigenen Leben aber auch dem der Mitmenschen. Der Weg aus der Krise geht also nur über Kommunikationsfähigkeit und das Erkennen von verlässlichen Quellen. Ich nutze die Zeit gerade für einen intensiven inneren Dialog und scheue mich auch nicht, meine Gedanken mit anderen dazu auszutauschen. Ach wie schön, jetzt singt Louis Armstrong „And I think to myself, what a wonderful world“, selbst jetzt. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!