Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Donnerstag, dem 02.04.2020

Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich glatt lachen. Mir ist mal wieder der Wert meiner Arbeit als Kulturschaffender oder Kulturfarmer, wie ich mich ja selbst bezeichne, vor Augen geführt worden. Angefangen hat es gestern mit einem lustigen, über die sozialen Medien geteilten Spruch, der die sonst üblichen Rollen und Aussagen vertauscht. Hier merkt ein fiktiver CEO, also Geschäftsführer eines Unternehmens an, er könne seinen Job doch nicht machen, wenn er für seine Arbeit nicht bezahlt werden würde. Darauf war die Antwort des Künstlers etwas, was sonst üblicherweise ihm selbst entgegnet wird: „Denk an die große Öffentlichkeit, die wir dir bieten. Es ist eine super Erfahrung für dich. Und, es wird sich ausgezeichnet auf deinem Zeugnis machen.“ Gestern habe ich noch geschmunzelt. Bei der heutigen Rückmeldung auf eine Anfrage zu meinen Genussgedanken, ob sich diese nicht für eine Verwertung in den diversen Medien, also gegen Bezahlung, eignen würden, hieß es lapidar, ich solle doch dazu einfach einen Podcast machen und mir erst einmal eine Fan Basis erarbeiten. Ungläubig denke ich, ich suche doch kein Praktikum zur Selbstinszenierung, ich will einfach nur bezahlt werden für meine professionelle Dienstleistung.

Der Respekt für und der Wert von Arbeit ist ein ernsthaftes Problem in der heutigen Gesellschaft, nicht nur seit Corona und den Helden dieser Herausforderung, also z.B. den Kranken- und Altenpflegern, den Kassiererinnen im Supermarkt oder den Polizisten und Rettungskräften. Niemand kann vom Applaus alleine leben und vor allem damit seine Rechnungen bezahlen. Wir sind anscheinend immer noch im Industriezeitalter verhaftet, wo es für gewisse Berufsgruppen komfortable Gebührenverordnungen gab und gibt. Gerne bei Berufen, die die Stabilität von Strukturen sichern oder unser Geld verwalten und Geschäftsmodelle entwickeln, bei denen wir, also der Bürger und Steuerzahler, meistens zweimal zahlen müssen, einmal durch das Füttern des Systems und dann wenn etwas schief gegangen ist und die Herrschaften gerettet werden wollen. Menschen in Berufen und Jobs, wo es menschelt, also ein Dienst direkt am Menschen stattfindet, können da oft nur staunen. Wertig und respektvoll geht anders.

Die zunehmende Digitalisierung und der Wandel zur Wissens- und Informationsgesellschaft verändern das gerade ein wenig, was aber bei den meisten noch nicht angekommen ist. Der Mensch ist durch und durch analog und hat entsprechende Qualitäten, die eine digitale Superstruktur nicht ersetzen kann. Es geht in Zukunft auch nicht um eine Konkurrenz zu den Datenströmen, sondern auf eine Besinnung zu den Fähigkeiten, die uns als Menschen auszeichnen. Diese sind nun mal Kreativität, Empathie, Gemeinschaftssinn, Forschergeist etc. Führende Hirn-, Bildungs- und Gesundheitsforscher, Psychiater und Soziologen attestieren uns hier noch viel brachliegendes Potenzial. Was nicht verteidigt werden darf und was ich sogar als eine Art von Dekadenz erlebe, nicht in Form von Lust und Luxus, ist unsere Trägheit, dauernde Wiederholung von Althergebrachtem, dem Ausruhen auf vergangenen Leistungen und wenig Neugier und „Drive“, die Möglichkeiten auch zu ergreifen. Wir sind satt, leider an den falschen Dingen, und zu träge, wirklich etwas zu tun.

Ich bin kein Träumer, dass die momentane Krise auf einmal alles verändert und wir als neue Menschen in die Zukunft gehen. Zu stark sind die Routinen, unsere Konditionierung und die Angst vor dem Zulassen. Hier sind besonders wir Kulturschaffenden gefragt. Schluss mit dem Phänomen „von allem zu viel und überall das gleiche“! Während die fünfziger, sechziger, siebziger und achtziger Jahre jeweils klar unterscheidbare Stile in Design, Mode, Musik und Kunst hervorbrachten, wirken die letzten drei Dekaden wie ein einziger großer Remix. Wir müssen wieder Erfinder sein, also Künstler und keine Designer oder Kopierer unseres vergangenen Erfolges. Wer Respekt haben möchte und auch entsprechend entlohnt werden will, muss etwas gegen die momentanen Zustände tun. Dabei verkenne ich nicht die Leistungen und auch das vorhandene Potenzial der Strukturen und ihren Gebührenordnungen. Sie müssen nur endlich das Dienen in ihrer Dienstleistung wieder verstehen. Das wird nicht einfach, aber es ist es wert, dafür zu kämpfen. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!