Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Donnerstag, dem 07.05.2020

Juchuuu… denken sich die meisten… die Situation mit der Corona-Krise entspannt sich langsam, die Ausgangsbeschränkungen werden gelockert und sofort und überall scharren die Menschen unüberhörbar mit den Hufen. Nachvollziehbar! Endlich mal wieder raus aus den eigenen vier Wänden, die sich für manche schon wie Knast angefühlt haben. Das Gleiche gilt auch für den Stadtteil oder das Dorf… Selbst wer einen Garten vor oder hinterm Haus sein Eigen nennt, konnte schon die Schrittanzahl in jede Richtung auswendig aufsagen. Die Beete sind gepflegt, der Rasen fast schon zu oft gemäht und gedüngt, die Terrasse „gekärchert“ und das Grillen ist zum täglichen Ritual geworden. So wichtig wie das Eigenheim, egal ob gemietet oder gekauft und der Garten auch sind, was fehlte war der Horizont, hinter dem es weiter geht. Nun soll es endlich wieder raus gehen. Gerne oder am liebsten auch mit dem Auto. Irgendwo hinfahren, ohne Ziel, einfach nur so zum Spaß, die Landschaft an sich vorüberziehen lassen, oder vielleicht mit dem festen Plan, hier und dort einen Kaffee zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen. Oder mal wieder die See sehen, Meerweh… Schön ist diese Vorstellung.

Schon immer war der Mensch mobil, wanderte umher und sehnte sich nach Geschwindigkeit beim Vorwärtskommen. Mit dem Automobil erfüllte sich dieser Wunsch nach Bewegung und Abenteuer, Ziele jenseits der Vorstellungskraft erreichen zu können, Spaß zu haben, sein Leben selbst zu bestimmen und zwar nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Bauch und Gaspedal. Viele Menschen erinnern sich daher an ihr erstes Auto und Ausfahrten mit einer besonderen Wehmut. Galt doch der erste Wagen als neues Familienmitglied, wahlweise auch als erste wirklich große Liebe, vor allem der legendäre VW Käfer, und wurde so zum Symbol einer erfolgreichen Lebensgestaltung. Damals waren die Typen und Modelle tatsächlich noch ein automobiler Traum, in Form und Ästhetik unterscheidbar, zeitlos elegant, knuffig oder sportlich, bezahlbar, ja der Käfer kostete unter 10.000 Deutsche Mark, was heute weniger als 5.000 Euro bedeuten würde. Es war für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei. Egal wie neu oder alt, der Wagen wurde wie ein Juwel behandelt, samstags mit Hingabe vor dem Haus oder der Garageneinfahrt gewaschen und gewienert, das durfte man damals noch, um für die sonntägliche Ausfahrt alles schön „schüssig“ zu haben.

Den Menschen geht es jetzt nach der Isolation wieder so, obwohl die Autos von heute selten noch dieses emotionale Beziehungsgefährt sind, außer vielleicht in der Auto-Tuner-Szene oder bei BMW 3 Fahrern mit Migrationshintergrund. Das Automobil ist zum langweiligen, windkanalgeformten, nicht mehr unterscheidbaren Bewegungsmittel geworden, das Auto selbst waschen tut auch keiner mehr und die Fahrzeuge werden so „hightech“ und kompliziert gebaut, dass auch niemand selbst dran schrauben kann. Die bekannten Automarken sind zu internationalen Großkonzernen mutiert, die Geschäfte um jeden Preis machen wollen, um Shareholder happy zu machen, nicht mehr die Fahrer. Ihren Kunden wird stattdessen schon mal etwas verkauft, was nicht den Gesetzesvorgaben entspricht, die Zukunft der Mobilität oder Antriebsart wird ignoriert oder nur mit finanziellen Anreizen umgesetzt, nur um sich trotz alledem und aufgrund der jobtechnischen Relevanz wie ein Bully auf dem Schulhof zu verhalten. Was habe ich in den letzten Tagen in einem Fernsehbericht gehört, 95 Milliarden Euro Gewinn haben die drei bekanntesten deutschen Automarken erwirtschaftet, trotz der Strafzahlungen und nach Abzug der Steuern. Und nun sind sie die ersten, die nach Kaufprämien schreien. Eigentlich unfassbar und erschütternd. Fahrvergnügen fühlt sich anders an…

Da denke ich doch lieber an meine automobilen Entdeckungsjahre zurück. Die starteten wie bei Vielen nämlich in der Ablage hinter dem Rücksitz eines VW Käfers. Das Baujahr weiß ich leider nicht mehr. Aber es gab noch keine Sicherheitsgurte und Anschnallpflicht, wir Kinder turnten vollkommen unbekümmert auf der Rückbank rum und versuchten über die Nummernschilder der vorbeifahrenden Autos deren Herkunft zu erraten. Mit dem eigenen Führerschein ausgestattet, machte ich meine ersten längeren Touren in einem BMW 1502, später dann in einem Renault R4 mit Revolverschaltung. Ich liebte die Eigenheiten der Franzosen schon immer… Ähnlich war es mit der Geschwindigkeit bei der Fortbewegung. Mir ging es beim Autofahren noch nie um das Schnellsein oder Rasen. Trotzdem war es natürlich kein schönes Gefühl, wenn man mit dem R4 auf der Autobahn und grader Strecke die Lastkraftwagen überholte, gaaaaanz langsam, diese dann aber an der nächsten Steigung wieder an einem vorbeizogen, auch gaaaaanz langsam. Genauso werde ich wohl in den nächsten Tagen mal wieder rausfahren. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!