Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Freitag, dem 01.05.2020

Gestern schrieb ich aufgrund des Todes meiner Ex-Frau Anita von „Kein Licht ohne Schatten“. Ich war natürlich zurückversetzt in meine sieben Jahre, die ich in den USA gelebt habe. Da passt auch der heutige 1. Mai Feiertag gut dazu. Dieser stammt ursprünglich ebenfalls aus Amerika und beruht auf einem Streik 1886 in Chicago, der zu einem Massaker wurde. Kämpferisch waren sie schon immer, diese „Amis“. Viele Dinge und Verhaltensweisen, die wir heute in Deutschland ganz selbstverständlich nutzen oder übernommen haben, kommen vom „American way of life“, einer Mentalität der Entdeckung und Eroberung von Einwanderern, die in ihren Ursprungsländer zu Randgruppen gehörten, egal ob aus religiösen oder sozialen Gründen, die endlich ein eigenes Stück Land bewirtschaften, ihr Glück suchen oder einfach nur satt werden wollten. Entsprechend entschlussfähig und konsequent gehen die meisten Amerikaner auch heute noch mit ihrem Leben und Land um. Für den Rest der Welt nicht immer nachvollziehbar. Manches bis heute nicht. Mein Lieblingsvergleich im übertragenen Sinne ist dabei: Der Amerikaner schickt zehn Pferde ins Rennen, weil er weiß, dass die zwei Sieger für die acht Verlierer mitbezahlen werden, also ein Profit gemacht wird. Die Deutschen geben ein Gutachten in Auftrag, welches nach fünf Jahren zurückkommt. Doch dann ist der Trend vorbei… Das ist natürlich nicht komplett schwarz/weiß gemeint, zeigt aber die elementaren Unterschiede.

Nun werde ich im heutigen Genussgedanken nicht alle Mentalitätsunterschiede verdeutlichen können, möchte aber ein paar persönliche Eindrücke schildern. Als ich 1990 in die Südstaaten nach Georgia zog, war meine erste Feststellung, boah, ist das alles riesig hier. Atlanta war damals die neuntgrößte Stadt der USA und hatte flächenmäßig einen Durchmesser von 120 Kilometern. Im Stadtgebiet gab es 44 Golfplätze, innerhalb einer weiteren Autofahrtstunde weitere 200. Entsprechend wenige Fußgängerwege gab es, außer vielleicht in Downtown. Dort war wiederrum nix mit kleinen Boutiquen. In den USA gibt es Malls, also Einkaufszentren, mehrere Fußballfelder groß. Alles übrigens auch sehr chic, wie Hotellobbys von 5 Sterne Hotels. Trotzdem geht der Südstaatenamerikaner aufgrund der Hitze gerne in T-Shirt, kurzen Hosen und Flipflops einkaufen. Für mich sehr gewöhnungsbedürftig, weil ich mich als unpassend gekleidet in dem luxuriösen Ambiente empfand. Überall wurde ich trotzdem super freundlich behandelt, weil ja niemand wissen konnte, ob ich nicht vielleicht doch ein schwerreicher Mensch war… Versuch das mal in Deutschland, quasi in Freibadkleidung beim edlen Herrenausstatter…

Beim Essen war das mit der Größe auch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Qualität des Fleisches bei z.B. Burgern ist enorm, nichts kommt gefroren in die Fritteuse, sondern jeder Fleischklops wird von Hand gemacht und nach Wunsch gebraten, oft vor deinen Augen. Enorm war allerdings das Gewicht und der Umfang… Manches Mal hatte ich den Eindruck, einen Hackbraten im aufgeschnittenen Brotlaib serviert zu bekommen. Geschmacklich war das meistens eine Offenbarung. Dafür hat der Amerikaner beim Genießen keine Geduld, selbst im besten Restaurant ist die Rechnung ungefragt vorm Ende des Abends auf dem Tisch. Man folgt immer einer Agenda und wenn es nur die „Evening News“ oder „Talkshow mit soundso“ ist, die man nicht verpassen darf. Nichts da mit „so jung kommen wir nicht mehr zusammen, lass uns noch eine Flasche ordern“. Apropos eine Flasche Wein bestellen, es gibt Edelrestaurants ohne Alkohollizenz. Dort bringt man seinen Wein selbst mit und zahlt ein Korkgeld, damit er serviert werden kann. Auch im Supermarkt in Atlanta, der rund um die Uhr und jeden Tag auf hat, gibt es sonntags aus religiösen Gründen keinen Wein oder kein Bier zu kaufen. Manche Landkreise sind sogar komplett trocken, haben also ein striktes Alkoholverbot. Es gibt ihn dort gar nicht erst zu kaufen. Dafür gibt es auf dem Land religiöse Gruppen, manche würden sagen Sekten, die z.B. die Klapperschlange als Gottheit erkoren haben und im Gottesdienst mit diesen gefährlichen Biestern spielen…

Das soll jetzt natürlich nicht so klingen, als ob der Durchschnittsamerikaner einen an der Waffel hätte. Das stimmt selbstverständlich nicht… Ja, es gibt Ausnahmen, wie bei uns auch. Obwohl der „Ami“ schon irgendwie immer ein Abenteurer ist und die große Herausforderung sucht. Als ich heiratete mussten wir auf das dortige Amt, um unsere „Marriage Certificate“, also Hochzeiturkunde abzuholen. Ungläubig stand ich vor dem Beamten und betrachtete das Schild mit seinem Aufgabenbereich. Dort stand doch tatsächlich: Hochzeiturkunden und Waffenlizenzen. Ob das wohl wirklich so gut zusammen geht? Schön, wenn die Welt voller Überraschungen ist. Und schön, dass es heute zum 1. Mai keine Massaker mehr gibt. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!