Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Dienstag, dem 31.03.2020

Momentan erreichen mich täglich eine Vielzahl von Mails, Benachrichtigungen über die sozialen Medien und Kurzmitteilungen bei Messenger Diensten, die mir Ratschläge erteilen wollen und sollen, wie ich mich in der Krise zu verhalten habe und was es für Maßnahmen und Mittel gegen eine Erkrankung und den sicheren Tod gibt. Nun, ich kann sagen, dass ich die Vorzüge der Digitalisierung und der modernen Kommunikationswege sehe, sehr schätze und auch regelmäßig nutze. Und klar, wir als Menschen suchen alle nach verlässlichen Antworten, nicht nur bezogen auf das Corona Virus. Mir wird nur von Tag zu Tag mulmiger bei dem anscheinend weit verbreitenden Glauben an allzu einfache Heilsbotschaften, die sich in rasender Geschwindigkeit, ohne die Inhalte oder Absender zu hinterfragen, durch wahlloses Teilen verbreiten. Wo ist der sonst ständig geforderte und propagierte kritische und aufgeklärte Geist, die gesunde Allgemeinbildung und das Analysevermögen unser ach so gebildeten Gesellschaft geblieben?

Wenn man früher einen Ratgeber konsultierte, handelte es sich eigentlich immer um eine durch Lebenserfahrung und Lebensleistung qualifizierte und gestählte, meist ältere Persönlichkeit. Bildung spielte auch eine Rolle, aber es gab eben auch Ausnahmen, kraft Amtes oder Spezialgebiet. Die eigene Familie ausgeschlossen, denn dem Rat und Urteil von Vater und Mutter war als junger Mensch natürlich immer zu misstrauen… Scherz. Das war nur gefühlt richtig. Heute ertappe ich mich oft beim Nachsagen von Weisheiten, die ich seiner Zeit und vor allem von meinem Vater geradezu gehasst habe. Hilfe, bin ich jetzt ER geworden? Ich hatte diverse hoch geschätzte Ratgeber, die meistens auch meine Vorbilder waren oder wurden. Ohne jetzt die Handvoll aufzählen zu wollen, war mir der jeweilige Rat wichtig, da er sich ernsthaft auf mich bezog, nie leichtfertig geäußert wurde, mir half, meinen Weg zu finden und nicht ein Interesse des angeblich selbstlosen Ratgebers erfüllte. Nach intensiver Rückbesinnung muss ich feststellen, dass mir bei jedem Rat das Instrumentarium zur Entscheidungsfindung geschenkt wurde und nicht ein Ergebnis.

In Zeiten von Schwarmintelligenz und dem Heer von Ratgebern und selbst ernannten Influencern ist das allerdings anders. Natürlich hat es Vorteile, wenn Wissenschaftler gut vernetzt sind und Forschungsergebnisse teilen. Die Chancen steigen, dass dabei etwas Gutes rauskommt. Aber nur ein Schwarm zu sein, zeugt noch nicht von Intelligenz und Fähigkeit. Einer offenen Herz OP mit dem Tresen Stammtisch ist unbedingt abzuraten. Da aber heute jeder sein eigenes Medium ist, sollte man bei der Quelle und dem Distributionsweg jeder Information aufpassen. Wer hat welche Interessen? Auch Wissenschaftler agieren nicht im luftleeren Raum, haben Abhängigkeiten von Forschungsgeldern. Auch sie können als Mensch eitel sein und zur persönlichen Wirkung und Besserstellung einseitig interpretieren. Übrigens etwas, was ich der Flut von Bücherschreibenden Ratgebern auch vorwerfe. Welchen Erkenntnis- und Erfahrungsschatz hat eine Anfang 20 jährige Autorin mit einem Bachelor in Psychologie oder ein Coach mit Motivationsspruch des Tages Kalenders. Chaka Chaka… Von den mit den Wimpern klimpernden Influencern möchte ich erst gar nicht sprechen.

Sind wir doch mal ehrlich, würde ich mein Leben jemand oder einer Information ungeprüft anvertrauen, der oder die von einem sonst kaum beachteten Kollegen oder Internetfreund, den man gar nicht persönlich kennt, welcher wiederum vom Schwager eines anderen Kumpels und der von der entfernten Cousine, die irgendwo als Krankenschwester in Ausbildung arbeitet, die Nachricht gehört hat, die Einnahme von Aspirin würde den Verlauf der Viruskrankheit erschweren? „Ich schwör, die weiß das vom Chefarzt!“ Und, man solle das unbedingt und sofort in seinem Netzwerk teilen, um Leben zu retten! Damit will ich offizielle Quellen nicht diskreditieren. Aber auch die haben bisher noch keine Lösung. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich die Krise unbeschadet überstehe, wenn ich meinen gesunden Menschenverstand walten lasse und mal schaue, was meine alten Vorbilder und geschätzten Ratgeber so machen, übrigens inklusive meines Vaters und meiner Mutter. Denn die verfolgen bezogen auf mich wirklich kein Geschäftsmodell. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!