Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Sonntag, dem 22.03.2020

Sonntag ist in unserer Familie ein Telefontag, besser Festnetztelefontag, wenn wir uns nicht persönlich zum Mittagessen oder Kaffeetrinken treffen können. Was früher am ausführlich zelebrierten sonntäglichen Frühstückstisch besprochen wurde, übrigens egal in welchem Zustand, als Jugendlicher wurde es ja damals schon mal spät…, wird heute bei den unregelmäßigen persönlichen Zusammenkünften oder eben über das Telefon geklärt. Viel geändert hat sich an den Inhalten und der Rollenverteilung nicht.

Die Telefonate mit meinem Vater sind eher kurz, sachlich, ein wenig distanziert und es schwingt nach wie vor das „Ich erkläre Dir jetzt mal die Welt“ Phänomen dieser Generation mit, die nicht als Überheblichkeit missverstanden werden sollte. Ich habe großen Respekt vor Lebenszeit und Lebenserfahrung, sehe mich auch nicht mehr so sehr herausgefordert und finde lieber gelassen interessante Ansätze darin. Die Telefonate mit meiner Mutter sind natürlich sehr viel wärmer, die vergangene und kommende Woche betreffend, ich erfahre, wie es zuhause wirklich läuft, was die Gesundheit macht. Ich genieße ihr fürsorgliches Nachfragen, außer der unterschwellig stets existenten, aber nicht offen ausgesprochenen Frage, wovon lebst Du eigentlich? Dann folgen Vergleiche mit den auch schon fast im Rentenalter befindlichen Kindern der Freunde. Mit meiner Schwester lässt sich ordentlich und ausführlich quatschen, über Leute und Ereignisse herziehen und auch mal streiten. Schließlich leben wir in sehr unterschiedlichen Welten. Manches Mal unterbricht sie unvermittelt, eine alte Freundin sei auf der anderen Leitung. Ich lasse sie ziehen und stelle mir genüsslich die stundenlangen Frauengespräche vor.

Apropos stundenlang, was waren das noch für Zeiten, als es echtes Festnetz gab, natürlich mit Kabel, heute ist ja sozusagen alles unverbunden, Wählscheibe, später Tasten und vor allem mit Telefoneinheiten. Ich muss Schmunzeln bei der Erinnerung an die Ermahnungen der Eltern, nicht zu lange zu telefonieren. Telefonieren war damals quasi noch ein Ereignis, auch angerufen und in der Wohnung oder im Haus ausgerufen zu werden. „Matthias! Soundso ist dran, nicht zu lange bitte, denk an die Kosten und die Leitung muss freibleiben.“ Für was oder wen eigentlich, wollte man unwillkürlich erwidern. Auch dass mit der Privatsphäre war nicht so einfach. Das Kabel hielt einen im Flur gefangen, die Gespräche waren für alle quasi mithörbar. Alle paar Minuten, ich glaube es waren acht, klickte es in der Leitung, also wenn man selbst anrief. Ein Zeichen, dass wieder eine Telefoneinheit vorbei war und auf der Rechnung erschien.

In meiner ersten Wohngemeinschaft gab es sogar einen Zähler und ein Büchlein, in welches man jedes Telefonat und die verbrauchten Einheiten eintragen musste. Dafür gab es eine extra lange Telefonschnur, so dass man wenigstens ins eigene Zimmer gehen konnte. Besonders aufregend waren Auslandstelefonate. Da schnellte der Puls schon mal ordentlich in die Höhe, so sehr war einem die Angst vor den Kosten eingetrichtert worden. Hatte man sich dann durch die lange ausländische Nummer auf der Scheibe gewählt, hörte man seinen Gesprächspartner in weiter Ferne, so ein bisschen wie auf dem Mond, um jedes Wort ringend, schließlich wollte man ja auch Gewichtiges sagen in dieser Ausnahmesituation. Aber das war ja auch wirklich eine Ausnahme. Von den eigenen Anrufen aus dem Ausland im Urlaub mit Münztelefon und fremder Währung will ich erst gar nicht anfangen…

Ich werde heute auch wieder mit meinen Eltern und meiner Schwester telefonieren. Nicht nur weil Sonntag ist, sondern auch wegen der momentanen Ausnahmesituation. Was für eine großartige Möglichkeit, nicht nur mit der Familie, sondern auch mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben, sie „live“, ja, sie lebendig zu hören und über die üblichen Dinge, aber auch die aktuellen Angelegenheiten zu sprechen. Ich muss dabei mit viel Genuss an die Telefonate mit besonderen Menschen in meinem Leben denken, die mich nachhaltig beeindruckt haben. Ich werde mal nach meinem alten Adressbuch suchen, um zu schauen, wen ich schon sehr lange nicht mehr gesprochen habe und freue mich auf das Telefonat, schnurlos durch die Wohnung und die vergangenen Jahre wandelnd. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!