Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Dienstag, dem 24.03.2020

Ein großer Vorteil vom Arbeiten im Home Office ist, dass man ab und zu aufstehen kann, um sich im Wohnzimmer ans Terrassenfenster zu stellen und den Blick durch den Garten schweifen zu lassen. Das sind schöne Momente der Ruhe. Man kann den Gedanken freien Lauf lassen oder auch einfach mal an Nichts denken. Denkste! Das Gras, oder wie meine Vermieterin sagen würde „das total vermooste Etwas, was aussieht wie Gras“, muss geschnitten werden. Gut, dass das nicht meine Aufgabe ist. Die Gartenpflege ist Teil meines Mietvertrags und der Garten gleicht auch eher einem Park. Dafür rückt regelmäßig ein Aufsitzrasenmäher mit zwei Mann Personal an. Obwohl ja körperliche Ertüchtigung bei dem vielen Rumsitzen in der Isolation gesund und richtig wäre… durchzuckt es mich gottlob nur kurz. Ich muss stattdessen lächeln und denke an die Zeiten des so genannten Hand-Rasenmähers zurück. Wer kennt sowas heute überhaupt noch… oder tut sich das an… einen Hand-Rasenmäher.

Wir wohnten oft, mein Vater war Berufssoldat und wir wurden alle zwei Jahre versetzt, zogen also in neue Städte um, in kleinen Garnisonsstädten mit ziemlich uniformen Mehrfamilienhäusern. Später, mit steigendem Dienstgrad meines Vaters, wurden es dann Reihenhäuser, aber immer noch in den Militärsiedlungen. Der Vorteil war jetzt jedoch, dass wir einen Garten hatten. Meistens einen schmalen Streifen mit vielleicht 4 x 8 oder 10 Meter Rasen und einsäumenden Blumenbeeten, die Domäne meiner Mutter, und am Ende einem Gartenzaun, manchmal mit einem großen Baum markiert. Der Deutsche liebt seine Markierungen. Das ist wie Sandburgen bauen, aber das ist eine andere Geschichte… Auf jeden Fall musste dieses Stück Rasen ja auch gepflegt werden. Dazu besaß jeder Haushalt, besser jeder Hausherr einen Hand-Rasenmäher. Ein Hand-Rasenmäher besteht aus zwei Rädern, dazwischen, durch ein Blech leicht verdeckt, eine Kurbelwelle mit rotierenden Scherblättern und natürlich einem Gestänge mit Griffen, um das Ungetüm auch durch das hoffentlich nicht zu hohe Gras zu schieben. Eine Aufgabe für Männer.

Als Ältestgeborener war allerdings zunächst meine Aufgabe, bei unserem alten Modell gab es noch keinen Auffangbehälter, mit dem Rechen, der eigentlich viel zu lang und groß für mich war, das geschnittene Gras irgendwie zu kleinen Hügeln aufzuhäufen. Das Mähen vollzog der Hausherr selbst, meist an Samstagen mit den anderen Hausherren der Nachbarschaft, quasi im Gleichschritt, jeder auf seiner Parzelle. Es war ein stolzer, ja irgendwie auch martialischer Akt: Der Mann und sein Schwert verteidigt die Heimat gegen die bedrohliche Natur mit stetig nachwachsendem Gras. Und, es musste natürlich auch jeder seine eigenen Gerätschaften besitzen, auch wenn diese nur alle drei Wochen zum Einsatz kamen. Ein Prinzip, was mir bis heute Kopfzerbrechen bereitet. Als ich endlich groß und stark genug war, durfte oder besser musste ich dann übernehmen. Eine echt fiese Plackerei, vor allem, wenn das Gras noch ein wenig feucht war und die Scherblätter nicht wirklich scharf. Dann rutsche man quasi nur über den Rasen, ohne das er geschnitten wurde. Das Zusammenrechen blieb natürlich auch bei mir hängen. Aber es gab Taschengeld dafür und irgendwie fühlte man sich auch aufgenommen in die Welt der Männer.

Das Schönste aber waren natürlich die Momente der Gespräche über den Gartenzaun hinweg, das Federballspielen auf dem frisch geschnittenen und entsprechend gut duftenden Rasen. Und die Grillabende, ob nun innerhalb der Familie oder mit den Nachbarn. Der Garten ist eben ein wichtiges Stück Heimat. Ein Sehnsuchtsort, eine Scholle der Glückseligkeit, ein Sicherheitshafen von den gefühlten Gefahren des Alltäglichen. Ja, irgendwie ist der Garten sehr archaisch und ich wünsche jedem die Erfahrung oder zumindest ein gutes Gespür für die Natur. Meines sagt mir gerade, dass die vermoosten Fugen der Terrassenplatten auch wieder ausgekratzt werden müssen. Ach, irgendwie freue ich mich darauf. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!