Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Sonntag, dem 12.04.2020

Ich schätze mich sehr glücklich, eine Kunst zu beherrschen, die mir die Chance gibt, besonders in Zeiten einer Krise wie der jetzigen, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen: Den Müßiggang. Müßig gehen, also untätig sein, träge sein, Muße haben, bezeichnet das entspannte und von Pflichten befreite Ausleben meines Selbst, ohne das permanente Korrektiv des Verstandes. Oft geht es dabei um geistige Genüsse, die mit leichten vergnüglichen Tätigkeiten einhergehen, kann jedoch auch das reine Nichtstun bedeuten. In unserer Gesellschaft und gerade bei der deutschen Mentalität wird der Müßiggang, im Gegensatz zur Muße, meist negativ wahrgenommen. Es wird als Laster bezeichnet und in der Regel mit Faulheit gleichgesetzt. Faulheit und Trägheit zählen in der christlichen Theologie sogar zu den sieben Hauptlastern, den Wurzeln von lässlichen Sünden oder Todsünden. Jeder kennt das Sprichwort: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Eine Ausrede derjenigen, die den Müßiggang nicht verstehen.

Nehmen wir doch mal eine Otto-Normal-Person in seinem alltäglichen Leben, ohne Corona. Da ist dieser Mensch Abteilungsleiter mit einem anspruchsvollen Aufgabengebiet, Personalverantwortung, einigen Überstunden, verheiratet, Vater von drei Kindern, mit Kredit für das Haus, Zweitwagen und dem Wunsch nach einer Ferienwohnung auf Norderney. Außerdem läuft er noch Marathon, bastelt an seinem Oldtimer rum, will unbedingt noch Fallschirmspringen erlernen, am liebsten in den USA, leistet sich ein Verhältnis mit einer Kollegin, die Kinder sollen am besten dreisprachig aufwachsen und jetzt schon auf Vorstandsposten trainiert werden usw. Ja, wen wundert da eigentlich noch, dass so jemand nicht zur Ruhe kommt, seine Batterien nicht aufladen kann oder nur geradeso über das Minimum, viel anpackt, aber nichts wirklich bewegt, irgendetwas von Burn-Out faselt und nun durch die Corona Krise zu einer Vollbremsung gezwungen wird. Und dann heißt es auch noch überall in den Medien, nutze die Gunst der Stunde, werde kreativ und schmiede neue Pläne für die Zukunft. Hilfe, wie geht das, wo ist der beste Online Tutor, wo das passende Coaching Modell?

Der moderne Mensch ist in einem dauerhaften Ausnahmezustand. Viele überschätzen sich und ihre Belastungsgrenzen, werden übellaunig oder ziehen sich zurück, um dann einem Selbstoptimierungswahn zu verfallen oder sich gleich auf die Couch zu legen. Außerdem verhindert die permanente Beschäftigung mit irgendetwas die Auseinandersetzung mit den wirklich wichtigen Ängsten und Sehnsüchten, also dem eigenen geistigen Fundament. Müßiggang würde die Flucht stoppen, kaum jemand hat allerdings den Weg zu Ruhe und Muße gelernt. Wer die untätige Auszeit und Mußestunde (bei mir auch gerne mal Stunden) dann auch noch als unnütze Zeitverschwendung verunglimpft, übersieht leider deren wertvolle Kehrseiten. Wer einfach mal nichts tut und sich freudig der Langeweile hingibt, der trainiert seine Fähigkeit, sich in Geduld zu üben. Der bekommt die Chance, kreativ zu werden, findet Zeit, zu beten oder zu meditieren und kann sich selbst besser kennenlernen, auch den Verstand. Ostern ist eine sehr gute Zeit dafür, ob nun mit oder ohne Corona Krise.

Das alles hat natürlich mit dem Zulassen zu tun, mit dem Umgang mit Inhalten, Themen, Eigenschaften, etc. die mich wirklich bewegen und ausmachen, und nicht mit dem Funktionieren, also dem gedankenlosen Erfüllen von Strukturvorgaben. Müßiggang bedeutet, sich innerlich zu befreien von dem alltäglichen Korsett, dem ständigen Vergleichen mit anderen, dem Kampf um Anerkennung und Liebe. Es geht darum, in sich hineinzuhorchen, also zuzulassen, was will ich eigentlich wirklich? Was tut mir gut und was habe ich schon viel zu lange ertragen? Natürlich ist der Weg vom Denken zum Handeln dann immer noch ein großes Abenteuer und bedeutet Disziplin und vor allem viel Mut. Aber es lohnt sich. Schon Friedrich Nietzsche erkannte: „Man erntet als Lohn für vielen Überdruss, Missmut, Langeweile jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur.“ Wer sich völlig gegen die Langeweile verschanze, verschanze sich somit auch gegen sich selbst. Also, liebe Dich doch zur Abwechslung mal ein bisschen mehr selbst. Oder um es österlicher auszudrücken und mit Zarah Leander zu sprechen: Kann denn Liebe Sünde sein? Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!