Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Mittwoch, dem 01.04.2020

Ich habe gestern Abend für heute und morgen vorgekocht, Hühnchen Curry mit Auberginen und Kartoffeln. Lecker, ich freue mich, nicht nur, weil ich aus einer Kartoffelfamilie stamme, wie ich schon erwähnte, sondern weil mir das Experimentieren, das Handwerkliche und das Meditative am Kochen so viel Spaß macht. Genussvolles Essen sowieso. Essen und Trinken hat in unserer westlichen Gesellschaft nicht mehr nur etwas mit Nahrungsaufnahme zu tun, sondern viel mit Bewusstsein und Leidenschaft. Natürlich gibt es da auch Fehlentwicklungen, Fleisch aus der Massentierhaltung z.B., was ich als absolut leidenschaftslos einstufen würde, aber auch einige Ernährungstrends, die einen ideologischen Ursprung haben und deswegen quasi zur Ersatzreligion erhoben werden. Die Menschen, auch hier in Deutschland, sind im bedrohlichen Ausmaße zu dick und krank, unzufrieden, leidend, von der Selbstoptimierung getrieben, Diäten werden in Freundeskreisen heiß diskutiert, medizinische und ernährungswissenschaftliche Ratgeber zu Bestsellern und ständigen Wegbegleitern. Der Sinn einer gemeinsamen Mahlzeit, die soziokulturelle Rolle und damit der Wert der Ernährung haben sich stark verändert und sind ungesund ökonomisiert worden. Gut für die Wirtschaft, schlecht für den Bauchumfang und die Volksseele.

Wie viele Mitmenschen in der Krise auch, nutze ich die Vorzüge von Streaming Diensten und schaue nach Dokumentationen, die zu meiner kulinarischen Erbauung beitragen. Eine der großen Entdeckungen ist dabei die Serie „Chef’s Table“ von David Gelb. Besucht und porträtiert werden Spitzenköche auf der ganzen Welt. Gottlob keine Kochsendung, sondern wirklich rührende Personenbeschreibungen von Menschen, die nun mal Kochen oder Backen, also aus einer Passion einen Beruf gemacht haben. Was wir sehen und spüren ist aber nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, sondern die täglichen Herausforderungen, auf diesem Niveau erfolgreich zu sein, dem oft mehrmaligen Scheitern auf dem Weg zu diesem Level und der Preis, der dafür immer zu zahlen ist. Ehrlich, ich habe bei jeder Folge Tränen in den Augen, so bewegt bin ich aufgrund der Ehrlichkeit der Protagonisten, der Fähigkeiten dieser Vorbilder, der geradezu philosophischen Überzeugungen und immer wieder, was die Fingerfertigkeit, die Choreografie der Hände, Messer und Zutaten anbetrifft. Nie hatte das Zusammenspiel von Mensch und Lebensmittel, also Mittel zum Leben, eine tiefere Bedeutung.

Die gesundheitliche und damit physische und psychische Auswirkung einer „guten“ Ernährung auf den Einzelnen und die Gesellschaft ist enorm, der Bedarf an kulinarischer Seelsorge groß. Während früher diese Sorge um den Bauch und die Seele am Küchentisch oder in bürgerlichen Familien auch am Esszimmertisch genossen wurde, findet sie heute entweder gar nicht mehr statt oder wird nur noch auf den schnellen Konsum reduziert. Vorgefertigte Gerichte werden in der Mikrowelle aufgewärmt oder, vom Plastik befreit, im Ofen fertiggegart. Oft wird als Argument die fehlende Zeit des heutigen Lebens angeführt. Was für ein Quatsch. Wer Zeit hat, Kochsendungen oder sogar Kochduelle anzuschauen, der hätte natürlich auch Zeit, selbst zu kochen. Wenn schon, dann sollten solche Sendungen und insbesondere hochwertige Serien wie „Chef’s Table“ eine Inspiration sein, zur Auseinandersetzung mit den Rohstoffen, deren Erzeugung, dem Nachmachen, also Selbstkochen und vor allem immer wieder, dem gemeinsamen Essen und Trinken. Wer macht das aber. Mein Verdacht ist eher, dass die übliche Kochsendung für die meisten ein Sehnsuchtsvolles Erinnern ist an die Zeit, als man die Hausaufgaben noch am Küchentisch verrichtete, während die Mutter etwas Leckeres zu Mittag kochte, im Topf rührte und es herrlich duftete. Heute wird Aufgewärmtes vorm Computer oder Fernseher verschlungen.

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Erinnerst Du Dich an diesen Spruch? Also rein in die Küche und ausprobieren. Wenn es nicht sofort klappt, nicht aufgeben, weitermachen. Und nicht zu kompliziert denken und gleich Meisterliches kreieren wollen. Selbst Sterneköche lieben am Ende des Tages die Sinnlichkeit des Einfachen und das kann auch mal ein simples Rührei sein. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!