Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Freitag, dem 17.04.2020

Ich habe wirklich kein Interesse, wie technische Geräte funktionieren, hatte ich noch nie. Das soll nicht heißen, dass ich mich über Menschen, die früher am Samstag stundenlang unter der Motorhaube hingen, im Keller an Transistorradios rumschraubten oder irgendwelche Platinen löteten, lustig machen möchte. Ganz im Gegenteil, ich fand es immer großartig, jemanden zu kennen, der dieses oder jenes reparieren konnte, sei es als Fachhändler mit Werkstatt oder als Mechaniker, der nebenbei für Freunde schraubte. Nicht weil er ein System betrügen wollte, sondern weil es wirklich seine Passion war, eben auch in der Freizeit. Leider gibt es das heute so gut wie gar nicht mehr. Keiner weiß, wo die technischen Geräte, Maschinen oder Dinge herkommen, wer sie mit welchen Komponenten aus was für Ländern gebaut hat und ob sich eine Reparatur überhaupt lohnt. Schlimmer noch, meistens lassen sich die Geräte nicht mal mehr öffnen oder es werden erst gar keine Ersatzteile dafür gebaut. Mit dem Argument des technischen Fortschritts und der Komplexität, alles angeblich zu unserem Vorteil, ist das Erfolgskonzept heutzutage, die Lebensdauer eines Gerätes nur bis kurz nach dem Ablauf der Garantie zu timen. Die Welt lebt vom Verkaufen von Neuware, die nicht lange hält. Wahnsinn, oder?!

Und gestern Abend hat diese Tatsache mal wieder bei mir persönlich zugeschlagen, das Dampfbügeleisen hat im laufenden Betrieb seinen Geist aufgegeben, mit dem Auslaufen von Wasser quasi seinen letzten fauchenden Atemzug gemacht. Es ist schon der zweite Bügeleisenverlust in einem Jahr. Liegt es an mir? Mache ich irgendetwas falsch? Wenn ich sehe, dass bei meiner Mutter ein einziges Bügeleisen schon seit Jahren ordnungsgemäß seinen Dienst leistet, und meine Mutter bügelt sehr viel mehr als ich, dann ist das eine durchaus berechtigte Frage. Selbst wenn ihr eben dieses Bügeleisen verrecken sollte, geht sie in den Keller und reaktiviert das einfache Bügeleisen aus den 1960igern, noch ohne Dampf, und macht mit dem Spruch, was noch funktioniert kommt nicht weg, einfach weiter. Bravo. Wenn ich dann heute lese, dass in deutschen Haushalten fast 200 Millionen „alte“ Mobiltelefone und Smartphones ihr vollfunktionsfähiges Dasein in Schubladen fristen, die meisten nicht älter als ein bis drei Jahre, dann spürt man den Irrsinn, der in diesem System steckt. Drogenhändler sind Waisenknaben dagegen.

Tja, was also tun bezüglich meiner kaputten Dampfbügelhilfe? Das Ding stammt aus dem Supermarkt, weil das gleiche Modell beim Fachhändler teurer gewesen wäre. Selbst wenn ich da jetzt hinginge, kann ich den Satz schon förmlich hören: „Beraten und reparieren sollen wir, kaufen tut ihr beim Discounter oder im Internet“. Ja, der Fachhändler hat Recht. Aber auch er kann sich nicht ganz freimachen und der frühere Ausspruch „Qualität hat seinen Preis“ zieht auch nur noch bedingt. Heute ist ja selbst ein „Made in Germany“ ein Witz. Die Hersteller und wohl auch die Händler haben so lange an Vorgaben mit der Politik geschraubt, bis ein Gerät als in Deutschland hergestellt gilt, wenn ein Meister bei der Endmontage im Schwäbischen mal draufgehustet hat. Oh, sorry, schlechter Ausdruck in der momentane Corona-Krise. Aber da beißt uns die globale Lieferkette mal ordentlich in den Allerwertesten. Selbst Schuld, kann ich da nur sagen. Eine wirkliche Hoffnung, dass sich etwas ändern wird, habe ich nicht, zu stark sind die Interessen und Geschäftsmodelle. Wenn ich nur wüsste, wie man das lösen kann… Ich muss unbedingt Dampf ablassen, um mal im Bügeleisenbild zu bleiben…

Ich glaube, ich gehe mich jetzt erst mal rasieren und mit dem energischen Dezimieren der Bartstoppeln abreagieren. Mein Markenrasierer tut es ja wenigstens noch. Obwohl auch da begegnet mir wieder dieser Groll. Der Rasierer ist schon teuer genug, aber die Reinigungsflüssigkeiten und das regelmäßige Ersetzen des Scherblattes sind die eigentliche Melkkuh der Industrie… oh warte, ich glaube ich weiß noch wo mein alter Rasierer ohne Selbstreinigungsfunktion liegt, der nach jahrelangem Gebrauch und seit den späten 1980igern seinen Ruhestand in einer Schublade genießt. Der macht mein Gesicht genauso glatt wie das alte Bügeleisen meiner Mutter ihre Wäsche. Nur ein kurzer Moment kommt mir in den Sinn, dass ich meine Wäsche vielleicht ja auch zu ihr bringen könnte… nein, das wäre natürlich keine Lösung… Ich muss weiter darüber nachdenken, wie es gehen könnte. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!