Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Donnerstag, dem 16.04.2020

Vielleicht liegt es am schönen Wetter, wahrscheinlicher ist wohl, dass die schulfreie Zeit während der Corona-Krise dafür sorgt, dass neuerdings Kinder das Straßenbild wieder vermehrt prägen. Fast schon wie früher, als es nach Schulschluss oder in den Ferien und am Wochenende sofort an die frische Luft ging. Jede Sackgasse, jede nicht so befahrene Straße wurde und wird erneut zum Spielplatz. Es ist irgendwie berührend, wie auf einmal altbekannte Kreidezeichnungen auf dem Pflaster oder Teer erscheinen und Mädchen zu zweit oder dritt durch die aufgemalten Kästchen hüpfen und sich über dieses und jenes unterhalten. Niedlich, um was es da alles geht. Noch ist das Füllhorn an Lebenserfahrungen ja auch übersichtlich. Oft sind es Ratschläge, selbst hier geht es schon um Geltung und Respekt, natürlich auch um Anmut, es sind ja Mädchen. Ich muss schmunzeln, erzählt noch mehr von zuhause, es offenbart sich selbst über die wenigen Gesprächsfetzen, wie im Elternhaus gesprochen wird und wer dort die Hosen anhat. Die Jungs sind etwas schlichter und schneller unterwegs, auf dem Fahrrad oder Skatebord. Alles ist bei ihnen Wettbewerb, wer ist schneller bei den Mülltonnen oder wer springt höher über das Hindernis. Schon komisch, einmal weg vom Computer oder Smartphone sind doch alle einfach ganz normale Kinder.

Bei diesen Beobachtungen stelle ich immer wieder fest, wie wenig sich der Mensch eigentlich verändert hat, also von seiner Veranlagung, seinen Ängsten und Sehnsüchten her. Es sind nur die Rahmenbedingungen, die sich geändert haben und dadurch unser alltägliches Verhalten bestimmen. Gut, vielleicht waren wir in meiner Jugendzeit tatsächlich ein wenig freier unterwegs. Ging ja auch gar nicht anders, es gab kein Kontrollinstrument wie das Mobiltelefon, mit permanenter Ortungsfunktion. Wir waren nach der Schule einfach bis zum Abendessen verschwunden, unerreichbar, irgendwo im Viertel oder angrenzendem Wald unterwegs. Als Jungs quasi immer auf der Jagd nach Abenteuern, die es da draußen zu bewältigen galt. Und, wir waren bewaffnet mit Taschen- oder Fahrtenmesser, schnitzten Pfeile, bastelten Bogen oder Wurfspeere, schnitten uns in die Finger dabei, verarzteten uns selbst, bauten Höhlen und Baumhäuser etc. Nur bei größeren Verletzungen eilten wir nachhause… Einmal musste mir meine Mutter einen Speer, welcher beim „Kriegsspiel“ in meinem Kopf stecken blieb, vom Balkon aus rausziehen und mich anschließend trösten, nicht weil es so wehtat, sondern weil ich nicht sofort wieder raus ins Abenteuer konnte. Heute ist das alles undenkbar, zu groß ist die Angst der Eltern.

Die Kinder oder Jugendlichen hängen lieber für sich alleine vor dem Computer, Smartphone oder der Spielekonsole ab, um Abenteuer und Abenteurerdasein zu spielen, statt es selbst zu erleben. Sie wählen sich einen Stellvertreter ihrer selbst, beginnen schon hier mit der Optimierung der Äußerlichkeiten und Fähigkeiten, ohne ihre eigenen Kräfte je gespürt zu haben. Die körperliche Komponente und vor allem auch wann eine Grenze erreicht ist fehlt komplett. Natürlich hat eine digitale und vernetzte Welt große Vorteile und besonders Heranwachsende sollten sich damit auseinandersetzen, eigene und vor allem physische Erfahrungen, auch in der Gruppe, zu sammeln, ist in meinen Augen allerdings unersetzlich. Klar sollten da heutzutage die Rollenklischees durchbrochen werden, um noch mehr Entscheidungsgrundlagen für die Zukunft zu schaffen, aber auch das war ja schon immer möglich. Ich wählte in der Grundschule Handarbeit, also Häkeln und Stricken, statt Werken mit Hobeln, Schnitzen, Hämmern, was bei den Schulkameraden einiges an Erstaunen erzeugte, mir aber bei den Mädchen auch Pluspunkte verschaffte. Und ich bin nicht schwul geworden…

Was ich allerdings bei dem heutigen Spiel auf der Straße noch nicht wiederentdeckt habe ist: „Gummi Twist“. Unglaublich was man mit einem Gummiband aus Omas Handarbeitskiste über Stunden so alles anstellen konnte. Auch wenn es anfangs ein bisschen als Mädchenspiel verpönt war, hüpften wir Jungs ebenfalls bald mit, ging es doch auch hier letztendlich um einen Wettkampf. Es galt, als Dritter im Bunde, Figuren mit dem Gummiband, welches sich nacheinander um die Knöchel, Knie und Hüften zweier Mitspieler spannte, hüpfen zu können. Das Ganze wurde bewertet und man wechselte sich ab beim Hüpfen und Halten. Und, es war günstiger als jedes Computerspiel. Das Wichtigste aber, es war ein gemeinsames Spielen und damit neckischen Annähern an das andere Geschlecht. Konnte man doch das Gummi so herrlich schön von hinten wegziehen und dann in die nackten Kniekehlen flitschen lassen. Die Reaktionen sind mir in wundersamer Erinnerung. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!