Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Donnerstag, dem 09.04.2020

Ich bin heute Morgen mit einem Lächeln im Gesicht aufgewacht. Ich habe heute Geburtstag und mein erster Gedanke galt doch tatsächlich dem Kekskuchen meiner Kindertage, der in unserer Familie „Kalte Schnauze“ genannt wurde. Bei anderen hieß die Kekstorte auch „Kalter Hund“, „Schwarzer Peter“, „Wandsbeker Speck“ oder „Kalte Pracht“. Es war ein typischer Nachkriegskuchen, von meiner Mutter selbst gemacht, aus einfachsten Mitteln wie Kakao, Kokos-Fett und Butterkeksen. Ich liebte die „Kalte Schnauze“ mit seinen Schichten aus Keks und Kakaomasse, vor allem weil sie immer in Kombination mit reichlich süßer Limonade, Erdnussflips, Weingummi von Haribo und all den anderen Dingen kam, die es nur in Ausnahmefällen gab. Als wir etwas älter wurden, gab es auch schon mal Coca Cola für die junge Geburtstagsgesellschaft. Seltsam, wie sehr die Eltern damals mit dem Koffein haderten, sich aber über den Zuckergehalt keine Gedanken machten. Vielleicht war das aber auch ein Ausdruck von Luxus nach den Entbehrungen des Krieges. Gesund war definitiv anders.

Natürlich kamen auch eine von den Eltern klar definierte Anzahl von Klassenkameraden oder Freunden aus der Nachbarschaft. Meistens mehr Jungs als Mädchen, denn die waren damals noch doof und störten bei den typischen Jungensspielen wie Luftballonfußball oder richtigem Fußball, Bogenschießen oder Pfeile werfen. Ich erinnere mich an die Debatten mit meiner Mutter, wie viele Kinder kommen durften, wenn ich recht erinnere, hing die Anzahl vom Alter ab und meiner viel zu langen Liste und dem durchaus schwierigen Rausstreichen. Die Kriterien waren eigentlich wie beim abwechselnden Wählen des Straßenfußballteams. Jeder hatte so seine Lieblinge, wo er wusste, auf die war Verlass, bezogen auf ihre Fähigkeiten und entsprechenden Positionen. Die, die entweder zu ungelenk oder untalentiert waren, blieben übrig, fielen also auch entsprechend aus der Liste. Meine Mutter hat so Manchen allerdings gerettet und trotzdem eingeladen. Als es später auch auf andere Qualitäten ankam, wurden daraus ebenfalls Freunde.

 

Es gab selbstverständlich kleine und größere Geschenke, aber an die kann ich mich ehrlicherweise nicht wirklich erinnern. Von der Familie erhielt ich meistens etwas Praktisches, von den Freunden etwas Selbstgemachtes oder von deren Eltern ausgesucht etwas pädagogisch Sinnvolles. Es waren halt die späten 1960iger und frühen 1970iger… Bei mir war die Freude über die „Kalte Schnauze“ eigentlich am Größten. Dann spielte die Geselligkeit eine wichtige Rolle, das gemeinsame Spielen und Rumalbern. Für meine Mutter muss es eher ein gewisser Horror der Vor- und noch mehr der Nachbereitung gewesen sein. Für mich war es einfach nur schön. Entsprechend habe ich auch meine Geburtstage im Erwachsenenalter meistens gesellig verbracht, egal ob zu zweit oder mit mehreren. Und eigentlich war für mich das gemeinsame Essen und Trinken schon immer die zentrale Freude dieser Tage mit Alleinstellungsmerkmal. Nicht weil ich im Mittelpunkt stand, sondern weil es einen Grund gab, beisammen zu sein, gemeinsam zu genießen und sich auszutauschen. Deshalb habe ich das Konzept mit der Anzahl der Gäste je nach Alter auch aufgegeben… bei 56 Gästen hätte ich nur Zeit für Smalltalk.

 

Unvergessen ist mir mein 50igster Geburtstag, den ich mit einem guten Dutzend Freunden im Gasthof Nöth in Morlesau, bei Hammelburg, in Unterfranken verbracht habe. Mit der Inhaberfamilie verbindet mich eine lange Freundschaft. Als 15 jähriger Schüler habe ich im Gasthof aushilfsweise gekellnert und blieb über die Jahrzehnte unregelmäßiger Gast des Hauses. Mein rundes Geburtstagswochenende beinhaltete alles, was mein Herz höher schlagen lässt: Liebe Menschen, der Besuch des örtlichen Weinkellers der Winzergenossenschaft, eine wandernde Weinprobe durch die Reben mit großartigen Gesprächen über die Vergangenheit und Zukunft und einem ausgezeichneten, weil handwerklich ehrlichen und nur aus regionalen Zutaten erzeugten Menü in der historischen Gaststube. Ich freue mich jetzt schon auf meinen nächsten Besuch… Vielleicht wünsche ich mir dann eine „Kalte Schnauze“.

 

Dass durch die Corona Krise mein heutiger Geburtstag etwas anders sein wird, ist nicht schön, macht mich aber auch nicht traurig. Ich kann gut mit mir selbst. Und schließlich hat man ja auch all die virtuellen Freunde (mein Smartphone brummt unermüdlich während ich schreibe…). Aber einen Wunsch habe ich trotzdem: Wenn die Krise vorbei ist, geht wieder in die örtlichen Gastwirtschaften, Cafés, Hotels und Restaurants. Sie sind Orte der Geselligkeit und erfüllen einen wichtigen Teil unserer menschlichen Grundbedürfnisse. Aber bei den 1964 Geborenen, mit über einer Million der immerhin geburtenstärkste Jahrgang aller Zeiten, mache ich mir da wenig Sorgen. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

 

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!