Genussgedanken von Matthias Grenda
Genussgedanken von Matthias Grenda

Kulturfarmer

Genussgedanken zum Dienstag, dem 07.04.2020

Ich habe heute Morgen in der überregionalen Tageszeitung mit „Willkommen in der Realität“ eine großartige Überschrift gelesen. Letztendlich ging es in dem Artikel um die vielen Fehleinschätzungen von uns Menschen bezogen auf unser tägliches Leben, die momentanen Herausforderungen und die Gefahren, die damit einhergehen und die wir gerne ignorieren. Ich würde es als Naivität oder Gutgläubigkeit bezeichnen, vielleicht sogar Überheblichkeit. Wir glauben uns der Natur überlegen, die Welt sei mir Untertan und was soll „mir“ schon passieren. Ja, es stimmt, es geht von der Natur für uns Menschen hier in Deutschland keine wirkliche Gefahr aus. Nicht wie auf anderen Kontinenten, wo gefährliche Tiere oder klimatische Bedingungen, wie z.B. Wüsten täglich nach unserem Leben trachten, die uns fressen oder anderweitig umbringen wollen. Wir sind uns selbst der größte Feind in unserer vermeintlich sicheren Welt. Wir rasen teils unverantwortlich schnell auf den Autobahnen, besuchen zu oft Fast Food Restaurants und nach einer Flasche Wein spazieren einige besonders mutige Zivilisationsabenteurer sogar in Viertel, die neuerdings „No Go Areas“ genannt werden. Ja, so ist er, der moderne Indiana Jones.

Wem das nicht reicht, der bucht eine entsprechende Abenteuerreise in genau jene Regionen, wo die Natur mit seinen teils tödlichen Gefahren dann als Freizeitspaß dienen soll. Doch auch dort agieren wir ignorant und überheblich, was wollen mir die Einheimischen denn schon von Gefahren erzählen, schließlich habe ich gedient oder ich gehe auch in den Alpen regelmäßig wandern, kenn mich also aus in der Natur. Die Einheimischen schütteln ihr Haupt, viel zu gut wissen sie um die Gefahren und den Umgang damit. Schlimmer noch, oft müssen sie dann die in Selbsterfahrungskursen gestählten Kämpfer aus Gegenden retten, wo sich selbst die angestammten Einwohner nur bewaffnet, ich rede von der Natur, nicht irgendwelchen Stadtteilen, reintrauen, und die so groß sind, dass nicht alle 30 gewanderten Minuten eine Jausestation, also eine bewirtschafte Berghütte mit Weißbier, Käsebrot und ordentlichem Klo kommen. Die Erkenntnis, dass Bären, Wölfe oder Schlangen jeden beißen und vielleicht auch töten können und die Natur keinen Unterschied macht woher Du kommst oder wie Dein Bildungsgrad ist, übersteigt anscheinend die geistige Kapazität vieler Menschen.

Leider ist das beim Umgang mit der Corona Pandemie ebenfalls zu beobachten, auch wenn die meisten sich an die Regeln halten und vielleicht auch den Sinn dahinter verstanden haben. Trotzdem, letzten Sonntag war bestes Frühlingswetter. Entsprechend viele Menschen waren unterwegs, es erinnerte fast schon an einen organisierten Wandertag. Ein bisschen Luftschnappen ist ja verständlich, bei den Ausgangsbeschränkungen und dem Lagerkoller, der einen durchaus befallen kann. Aber diese fast schon demonstrative Sorglosigkeit mit der unsichtbaren Gefahr machte mich schon betroffen. Als ich dann auch noch die weit über 100 Meter lange Schlange vor der örtlichen Eisdiele sah, musste ich doch stark zweifeln. Ein bisschen wie nach dem Motto: Ich habe eine entsprechende App, also kann ich doch mit den Haien schwimmen… Und, wir sind hier auf dem Land, mit ordentlich Platz und Auslauf, quasi auf einer Rettungsinsel. Die Bilder aus den weitaus gefährlicheren Gewässern einer Großstadt lehren mich das Fürchten. Und ich rede noch nicht einmal von den Idioten, die Bedienfelder von Ticketautomaten ablecken…

Jetzt steht Ostern vor der Tür, die Menschen haben nichts zu tun und das Wetter soll erneut super werden. Die Natur und der Virus kennen aber keine Feiertage. Vielleicht hilft ja ein Beispiel meiner persönlichen Auseinandersetzung mit der Urgewalt namens Natur. Natürlich ist das ein lustiges Beispiel, es soll ja auch für alle zu verstehen sein. Als Jugendlicher war ich mit meiner Familie oft in den Bergen wandern. An einer dieser besagten Jausestationen hing an der Außenwand ein hölzerner Kasten mit der Aufschrift „Wettervorhersage“. Als ich mich anschickte, das Kästchen aufzuklappen, spürte ich die neugierigen Blicke der anderen Rastenden auf mir. Als sich ein Schwall von Wasser über mir ergoss, wusste ich warum. Heute muss ich selbst über meine damalige Naivität und Gutgläubigkeit lachen. Es war natürlich ein Scherz, eine bewusste Versuchung der Einheimischen für uns Freizeitabenteurer. Eine lehrreiche Lektion. Denken, Wissen und Erfahrung helfen immer, auch beim Umgang mit der Natur und seinen Gefahren. Vielleicht sollte die Regierung tausende von diesen Vorhersagekästen mit der Aufschrift “Willkommen in der Realität“ zu Ostern aufstellen lassen. Denn der einmal begossene Pudel scheut nicht das Wasser, er hat Respekt davor. Das Gleiche gilt auch für Dich. Du musst es nur tun.

Also, Dir einen schönen Genusstag und bleib gesund!